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squarerigger
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Auch wenn Friedhöfe nicht unbedingt zu den klassischen Touristenzielen gehören, so gibt es dennoch einige dieser letzten Ruhestätten, die eine Besichtigung wert sind. Bekannte, häufig besucht Friedhöfe sind z.B. der Père Lachaise in Paris oder der Zentralfriedhof in Wien. Auch in Belfast gibt es einen Friedhof, der zumindest für all jene, die sich für die jüngere Geschichte Nordirlands interessieren, ein lohnendes Ziel sein kann: den Milltown Cemetery.
Man findet diesen Friedhof in West Belfast, im Stadtteil Falls Road (auch bekannt als Andersontown). In den meisten konventionellen Reiseführern wird man diesen Stadtteil überhaupt nicht finden, denn wenn man dort unter Belfast nachschaut, findet man meistens nur Informationen zur City. All jene Gebiete, die in den letzten Jahren stark von den Troubles, dem Bürgerkrieg in Nordirland, betroffen waren, werden dort zumeist totgeschwiegen (was ich persönlich sehr bedauere, denn das echte, ungeschminkte Belfast findet man sicher nicht in der Stadtmitte, sondern tatsächlich in den Arbeitervororten gerade in West Belfast treffen hier zwei Welten, die republikanische und die loyalistische, auf engem Raum aufeinander).
Das Gebiet rund um die Falls Road ist traditionell ein Viertel, welches in republikanischer (vulgo: katholischer) Hand ist, während das unmittelbar angrenzende Gebiet rund um die Shankill Road in loyalistischer (vulgo: protestantischer) Hand ist. Gerade aufgrund der räumlichen Nähe dieser beiden verfeindeten Bevölkerungsgruppen kam es dort in der Vergangenheit immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, welche zum Glück in der jüngsten Vergangenheit eher selten geworden sind.
Letztlich ist auch der Milltown Cemetery durch die Troubles geprägt, zum einen durch viele Opfer, welche dort begraben sind, zum anderen aber auch durch ein dort verübtes Massaker. Doch dazu später mehr.
Man findet den Friedhof direkt an der Falls Road, der Hauptstraße des Viertels. Eine Anreise per ÖPNV kann sich für auswärtige Besucher etwas schwierig gestalten, da seit den Hochzeiten der Troubles nur noch ein rudimentärer Busverkehr in den davon am stärksten betroffenen Gebieten aufrecht erhalten wird. Als Alternative dazu bieten sich jedoch Black Cabs, Sammeltaxis mit festen Routen, an. Man sollte hier jedoch vorab die Einheimischen befragen, welche Taxen dorthin fahren, um hier keine unangenehmen Überraschungen zu erleben de facto bestehen in Belfast nämlich zwei völlig unabhängig voneinander agierende Black Cab-Systeme: eines auf loyalistischer und eines auf republikanischer Seite. Taxen der einen Seite fahren auch heute, bei vergleichsweise weit fortgeschrittenem Friedensprozess, i.d.R. nicht in das Gebiet der anderen Seite.
Ist man am Friedhof angekommen, so wird man erst einmal feststellen, daß er sehr groß ist und teilweise sogar mit Autos befahren werden kann. Es lohnt sich auf jeden Fall, einen Gang über den Friedhof zu machen, da die Gräber häufig liebevoll gestaltet und gepflegt sind. Man findet hier wirklich die unterschiedlichsten Arten von Grabstätten. Viele sind im traditionellen irischen Stil gehalten, mit Grabsteinen, die an die alten keltischen Hochkreuze erinnern. Wieder andere sind in einem modernen, martialischen Stil gehalten, mit Fresken und Statuen, die Szenen aus dem nordirischen Bürgerkrieg zeigen. Gerade bei solchen Gräbern findet man auf den Grabsteinen oft Abkürzungen, die auf den ersten Blick nicht verständlich sind, z.B. die Kürzel Vol., Bat. oder Brig. (letztere zwei meist mit einer Nummer und/oder einem Städtenamen versehen). Diese Abkürzungen weisen darauf hin, daß es sich bei den Verstorbenen um Mitglieder der IRA handelte. Vol. ist die Abkürzung für Volunteer als Freiwillige werden die Kämpfer der IRA bezeichnet. Bat. und Brig. stehen für die jeweiligen Einheiten der Kämpfer, z.B. für das 1. Batallion der West Belfast Brigade.
Bekannt ist der Milltown Cemetery vor allem für die Gräber zweier in Nordirland (zumindest im republikanischen Lager) sehr bekannter Personen: Bobby Sands und Guiseppe Conlon zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Sands war ein hochrangiges Mitglied der IRA, welches etliche Jahre seines Lebens im berüchtigten Gefängnis Long Kesh inhaftiert war. Dort führte er einen Hungerstreik von insgesamt 10 Häftlingen an, mit dem sie gegen die bestehenden Haftbedingungen protestierten und die Anerkennung als Kriegsgefangene (und nicht als gewöhnliche Kriminelle) erreichen wollten. Als Sands fast schon im Sterben lag, wurde er bei einer Nachwahl als Abgeordneter ins Parlament nach Westminster gewählt. Er starb nach 66 Tagen Hungerstreik im Alter von nur 27 Jahren am 05.05.1981.
Guiseppe Conlon dagegen lehnte jegliche Gewalt ab, geriet aber dennoch in die Fänge der britischen Justiz und mußte mehrere Jahre unschuldig hinter Gittern verbringen, weil man ihn, seinen Sohn Jerry und zwei Andere (bekannt als die Guildford Four) eines Bombenanschlags bezichtigte. Obwohl den britischen Behörden schon bald klar wurde, daß die Vier nicht die Täter waren, ließ man sie dennoch nicht frei, weil man gegenüber den irischen Terroristen keine Blöße zeigen wollte. Conlon starb als unschuldiger Mann in britischer Haft. Die Lebensgeschichte von ihm und seinem Sohn Jerry wurde im Film Im Namen des Vaters mit Daniel Day-Lewis und Emma Thompson verfilmt. Pete Postlewaithe spielte darin Guiseppe Conlon.
In die Schlagzeilen geriet der Milltown Cemetery am 16.05.1988. An jenem Tag sollten dort mehrere IRA-Kämpfer, die einige Tage vorher durch Einheiten der britischen Eliteeinheit SAS in Gibraltar getötet worden waren, begraben werden. Ein Anhänger des loyalistischen Lagers schlich sich in die Trauergemeinde und schoß dort um sich, wobei er mehrere Trauergäste (und eben nicht nur, wie es von der loyalistischen Seite gerne erzählt wird) aktive IRA-Kämpfer tötete.
Man sieht an diesen genannten Beispielen, daß der Milltown Cemetery zumindest für das republikanische Lager Belfasts von großer Bedeutung ist. Ich wage zu behaupten, daß ein Besuch auf diesem Friedhof durchaus ein Pflichtprogramm ist, wenn man Nordirland und seine Geschichte verstehen will. Anzumerken ist, daß ein Besuch dieses Friedhofs wirklich problemlos und ungefährlich ist. Auch wenn ich oben von den Troubles und vom Massaker auf dem Friedhof geschrieben habe, so möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, daß ich bei all meinen Besuchen auf dem Friedhof oder auch der Umgebung nie selbst etwas von Unruhen oder Gewalt mitbekommen habe. Gerade vor dem Hintergrund des sich festigenden Friedensprozesses in Nordirland kann man davon ausgehen, daß es i.d.R. auch so bleiben wird. Im Zweifelsfall sollte man, wenn man eines der Gebiete, welches noch als potentieller Unruheherd gilt, in seiner Unterkunft oder bei einem Taxifahrer nachfragen diese sind i.d.R. sehr gut darüber informiert, wenn aus irgendwelchen Gründen eine solche Tour doch nicht ratsam ist.
Beachten sollte man nur, daß man, wenn man auf dem Friedhof eine kleinere oder größere Gruppe von meist jüngeren Männern in Jeans, schwarzer Lederjacke und Sonnenbrille sieht, diese gefälligst nicht stören sollte. Diese Kluft ist so etwas wie die inoffizielle Uniform der IRA, so daß die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, daß diese Menschen ungestört bleiben wollen.
Also, wer sich für die nordirische Geschichte interessiert, der sollte einmal den Milltown Cemetery besuchen.
Milltown-Friedhof10
Einzelbewertung
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Erreichbarkeit
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Muss man gesehen haben
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Budget-Freundlichkeit