squarerigger
Kandel, Deutschland97%
In Berlin ist die Mauer, die die Stadt einst in Ost und West teilte, zum Glück seit mehr als 15 Jahren Geschichte. Was viele Menschen nicht wissen, ist jedoch die Tatsache, dass es mitten in Europa noch ein ähnliches Bauwerk gibt, welches eine Stadt in zwei Teile trennt. Die Rede ist hier von der sog. Peace Line (Friedenslinie), welche im Westen von Belfast komplette Stadtviertel von einander trennt. Zwar ist diese Mauer im Gegensatz zur Berliner Mauer vergleichsweise durchlässig, dennoch ist auch sie ein Schandfleck in einer modernen Gesellschaft.
Die Peace Line verläuft mitten durch die traditionellen Arbeiterviertel im Westen Belfasts. Gerade hier manifestierte sich in der Vergangenheit immer wieder der Nordirland-Konflikt. Traditionell loyalistisch (vulgo: protestantisch) geprägte Viertel treffen hier auf traditionell republikanisch (vulgo: katholisch) geprägte Bezirke. Die Hauptstraße des dortigen Loyalistenviertels, die Shankill Road, liegt nur wenige Hundert Meter von der Hauptstraße des dortigen Republikanerviertels, der Falls Road, entfernt. Diese räumliche Nähe führte auf dem Höhepunkt des nordirischen Bürgerkriegs in jener Gegend zu häufigen und großen Unruhen.
Traditionell betrachtet sich die loyalistische Bevölkerungsmehrheit in Nordirland als die herrschende Klasse, die in der Vergangenheit die republikanische Minderheit fast schon in einer Art europäischer Apartheid klein hielt. Teile dieser Benachteiligung des republikanischen Lagers sind auch heute noch in Nordirland vorhanden. Neben dem eigentlichen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf sich republikanische und loyalistische Paramilitärs gegenseitig bekämpften und bei dem sowohl die RUC (Royal Ulster Constabluary), also die nordirische Polizei, sowie die britische Armee sich nicht neutral, sondern klar parteiisch zugunsten der Loyalisten engagierte, waren die Troubles auch durch mehr oder weniger große Scharmützel, an denen sich nicht nur die Paramilitärs, sondern auch Zivilisten beteiligten, geprägt.
Eines jeder Scharmützel führte letztlich zum Bau der Peace Line. Es handelte sich hierbei um den Angriff auf die Bombay Street. Jene Straße befand sich direkt an der Grenze zwischen dem loyalistischen und dem republikanischen Stadtviertel und gehörte zum republikanischen Viertel Andersontown rund um die Falls Road. Mehrere Nächte hintereinander griff ein fanatischer Mob von loyalistischem Territorium aus die Wohnungen in dieser Straße aus. Ziel dieses Pogroms war es, die Bewohner komplett aus der Straße zu vertreiben. Dies gelang den Loyalisten trotz Gegenwehr von republikanischer Seite nach mehreren Nächten auch, wobei mehrere Bewohner der Bombay Street, darunter auch Kinder, in Folge von durch Brandstiftung entstandenen Bränden starben.
Um zukünftig solche Angriffe zu verhindern, begannen Polizei und Armee wenig später damit, die beiden rivalisierenden Stadtteile zuerst durch Zäune, später durch Mauern voneinander zu trennen. Nur an wenigen Hauptverkehrsstraßen blieben Übergänge offen, an denen Kontrollstellen eingerichtet wurden, um den Verkehr zwischen den Vierteln zu kontrollieren. Im Falle von Unruhen konnten diese Übergänge schnell abgesperrt werden, um so das Aufeinandertreffen der verfeindeten Lager zu verhindern.
Im Laufe der Zeit wurde die Peace Line immer weiter ausgebaut, um sie so immer undurchdringlicher zu machen. So wurden die Mauern mit glatten runden Betonrohren gekrönt, um ein Überklettern zu verhindern. Obendrauf kam dann noch Nato-Draht, so dass es irgendwann fast unmöglich wurde, die Mauer zu überwinden. Heute, im Verlauf des neu aufkeimenden Friedensprozesses und im Rückblick auf die Troubles, wissen wir, dass die Peace Line dennoch nicht verhindern konnte, dass die verfeindeten Gruppen jeweils im gegnerischen Gebiet Anschläge verschiedenster Art verübten.
So gesehen ist die Peace Line heute ein Monument, welches die Unfähigkeit der Regierung des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland zur friedlichen Lösung des alten Konflikts in Nordirland eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die Peace Line steht damit in einer Reihe mit den großen, festungsartigen Polizei- und Militärkasernen, die das ganze geschundene Land durchziehen, oder mit dem gigantischen, berüchtigten Gefängnis von Long Kesh. All diese Bauwerke waren aus militärischer Sicht sicherlich sinnvoll und vielleicht sogar gut gemeint, allerdings schafften sie es alle nicht, damit das Ziel Frieden in Nordirland zu erreichen.
Im Regelfall ist die Peace Line, die sich über mehrere Kilometer zwischen den verfeindeten Stadtvierteln rund um Shankill Road und Falls Road erstreckt, heute für Besucher jederzeit gefahrlos zugänglich, da große Unruhen heute in Belfast die Ausnahme darstellen. Bevor man jedoch in jene Stadtviertel fährt, ist es auf jeden Fall ratsam, sich beim Hotelpersonal oder bei einem Taxifahrer über die Sicherheitslage zu erkundigen. Diese Personengruppen wissen i.d.R. gut hierüber Bescheid, so dass man sich auf ihren Rat verlassen kann. Um die Peace Line zu erreichen, empfiehlt es sich, ein Taxi zu nehmen, da seit den Zeiten des Bürgerkriegs in den Bezirken, die davon stark betroffen waren, der ÖPNV nur noch sehr rudimentär vorhanden ist.
Wer die Berliner Mauer kannte, der wird feststellen, dass die Peace Line sehr an jenes berüchtigte Bauwerk erinnert. Ich selbst wusste zwar vor meiner Reise nach Belfast schon von der Existenz dieser Mauer, dennoch war es für mich ein regelrechter Schock und eine Art Deja Vu, hier eine Art Kopie der Berliner Mauer zu sehen und das rund 10 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer.
Rechts und links der Mauer erstreckt sich jeweils ein etliche Meter breiter, unbebauter Geländestreifen, welcher, wie man unschwer erkennen kann, dazu diente, den Sicherheitskräften freies Schussfeld zu verschaffen. An den Durchfahrten findet man befestigte, bunkerähnliche Unterstände für die Polizei bzw. die Armee, welche heute im Regelfall nicht mehr besetzt sind, im Falle von aufkeimenden Unruhen jedoch auch heute noch dazu dienen, die Übergänge zu sperren. Die Mauer selbst ist, wie es in Belfast fast schon Tradition ist, von findigen Malern mit Wandgemälden, den sog. Murals, bemalt worden. Diese teilweise künstlerisch durchaus anspruchsvollen Gemälde haben i.d.R. politische Inhalte. Auffallend ist seit geraumer Zeit die klare Unterscheidung der Sujets im loyalistischen bzw. republikanischen Viertel. Fand man früher auf beiden Seiten primär martialische Gemälde, welche die jeweils eigenen paramilitärischen Gruppen hochleben ließen, so findet man heute zumindest auf der Falls-Seite der Mauer eher Bilder, die sich mit der Sehnsucht nach Frieden und dem Friedensprozess befassen. Auf der Shankill-Seite dagegen dominieren nach wie vor die Lobpreisungen auf UDF, UVF, Red Hand Commando, etc., verbunden mit der üblichen Never surrender-Rhetorik der Loyalisten. So gesehen ist die Peace Line tatsächlich ein Spiegelbild der derzeitigen Situation in Nordirland.
Gerade in Bezug auf die Murals sollten Besucher einen wichtigen Hinweis beachten. Es kann vorkommen, dass man (beiderseits der Mauer) von Einheimischen mehr oder weniger freundlich aufgefordert wird, dieses oder jene Gemälde nicht zu fotografieren. Diesen Rat sollte man dringend befolgen. Hintergrund ist, dass die Maler i.d.R. einer der großen paramilitärischen Gruppen bzw. deren politischem Arm nahe stehen, d.h. diese Gruppierungen geben i.d.R. auch die Motive vor. Aufgrund geänderter Rahmenbedingungen kann es nun vorkommen, dass ein Motiv in Ungnade fällt, so dass es in absehbarer Zeit entfernt werden soll, weil es nicht mehr zur aktuellen politischen Linie der jeweiligen Gruppe passt. Um dann zu verhindern, dass das Motiv weiter verbreitet wird, versucht man dann zu verhindern, dass es von Besuchern fotografiert wird. Um jedwede Art von Ärger zu vermeiden, ist es dringend ratsam, sich dann daran zu halten, denn der Einfluss der jeweiligen Paramilitärs ist in ihren Stadtteilen nach wie vor größer als jener der Polizei, so dass ein Nichtbefolgen des freundlichen Rats, nicht zu Fotografieren, tatsächlich zu unfreiwilligen und unangenehmen Begegnungen führen kann.
Letztlich ist die Peace Line ein anachronistisches Mahnmal, welches an die häufig blutige jüngere Geschichte Belfasts bzw. Nordirlands erinnert. Gerade uns Deutschen, die wir die Teilung (mehr oder weniger stark) überwunden haben, dürfte die Sinnlosigkeit jenes Bauwerks recht schnell auffallen. Ein Besuch der Peace Line sagt mehr über die Sinnlosigkeit des gesamten Nordirland-Konflikts aus als eine mehrseitige Abhandlung dazu in einem Geschichtsbuch. Um Nordirland und den dort nach wie vor schwelenden, wenn auch momentan zum Glück nicht brennenden Konflikt zu verstehen, kann ein Besuch der Peace Line durchaus sinnvoll sein.