stefbl
München, Deutschland99%
Es ist jetzt ca. 8 Wochen her, da wurde ich von meiner Firma für zwei Tage zum Arbeiten nach Berlin geschickt. Oft kommt so was nicht vor und wenn, dann bestehen meine Berlin-Besuche darin, mich morgens in München in den Flieger zu setzen und am gleichen Tag abends dort wieder zu landen. Diesmal war hingegen für zwei Tage meine volle Aufmerksamkeit vor Ort gefragt und aus diesem Grund quartierte mich unsere Team-Assistentin im artotel Ermelerhaus, besser bekannt unter der Bezeichnung artotel Berlin-Mitte, in der Hauptstadt ein. artotel das klang für mich nach ein bisschen Luxus, nach Dekadenz und Schickeria und als ich die sehr stylisch aufgemachte Hotel-Internetseite www.artotel.de ansurfte, wurde ich in diesem Eindruck bestätigt. Anscheinend sollte bei der Gestaltung des Hauses besonderen künstlerischen Ansprüchen Rechnung getragen werden vertieft durch die Tatsache, dass auf der Page explizit betont wurde, dass man sich als Gast die Farbe seines Zimmers würde aussuchen können. Mich (bzw. meine Firma) kostete die Nacht im Einzelzimmer 89 Euro und das war noch eine Sonderkondition zwischen dem Hotel und unserem Unternehmen. Möchte man als ganz normaler Berlin-Tourist das Vier-Sterne-artotel in Mitte buchen, so sind mit etwas Glück 70 Euro pro Person (!) am Wochenende (Sonderkondition) fällig oder über 100 Euro, wenn man dort in der Woche Station macht.
Die Lage
Über die Finanzierung des Aufenthaltes im artotel musste ich mir also nun keine Gedanken machen wohl aber darüber, wie ich dieses Hotel überhaupt finden würde. Das war zum Glück überhaupt gar kein Problem: Das artotel Berlin Mitte befindet sich in der Wallstraße 70 73 und damit wiederum direkt an der U-Bahn-Haltestelle Märkisches Museum. Damit liegt das Hotel gerade einmal 12 Kilometer vom Flughafen in Tegel entfernt was für mich etwas über 30 Minuten Fahrt mit dem Flughafenbus und dann noch mit der U-Bahn bedeutete. Markante Punkte in Berlin sind vom Hotel aus dann aber schnell erreicht. Es sind gerade noch drei U-Bahn-Stationen bis zur Haltestelle Stadtmitte, fünf zur Friedrichstraße und zwei zum Alexanderplatz. Kaum hat man die U-Bahn-Station Märkisches Museum verlassen, kann man das Hotel auch gar nicht mehr übersehen die an der Front angebrachte Tafel artotel ist nicht zu übersehen. Und das ist auch gut so, denn sonst hätte ich das Gebäude vielleicht für ein ganz normales Wohnhaus oder ein Bürogebäude gehalten.
Der erste Eindruck
Es war gerade erst halb zehn am Morgen, als ich das artotel erreichte und wie ich schon vorher vermutet hatte, war mein Zimmer noch nicht bezugsfertig. So konnte ich zunächst nur für einige Minuten die minimalistisch schöne Lobby in Augenschein nehmen mit wenigen Farbelementen, schlichten Tischchen, viel Glas und hohen Decken. Das Personal machte einen freundlichen, wenngleich auch nicht übermäßig engagierten Eindruck, ich musste die Meldekarte ausfüllen, meine Kreditkarte zum Einlesen kurz abgeben und durfte mein Gepäck in einem Aufbewahrungsraum abstellen. Mein Zimmer wäre allerdings frühestens gegen 15 Uhr fertig, hieß es und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich nach der Arbeit nicht direkt ins Berliner Nachtleben stürzen zu können sondern erst noch einmal dem Hotel einen Besuch abzustatten.
Der eigentliche Check-In am Abend verlief dann absolut problemlos. Ich musste nur noch meinen Namen nennen und bekam daraufhin einen Schlüssel ausgehändigt, dessen Anhänger in etwa die Größe einer DVD-Hülle hatte. Nach der gewünschten Zimmerfarbe wurde ich kein einziges Mal gefragt (wäre mir jetzt auch wirklich nicht sooo wichtig gewesen!) doch als ich den überdimensionalen grünen Schlüssel in der Hand hielt und ich über einen grünen Flur zu meinem Raum laufen musste da wunderte es mich auch nicht mehr, dass mein Zimmer vorwiegend grün gestaltet war.
Insgesamt verfügt das artotel über 95 Zimmer und einige Suiten, ist also recht groß. Ich bekam auch kein klassisches Einzelzimmer mit einem Bett, sondern ein ganz normales Doppelzimmer mit zwei Betten. Das Zimmer selbst präsentierte sich allerdings als winzig und spartanisch eingerichtet. Das Badezimmer nicht mitgerechnet, war der Raum vielleicht 10 Quadratmeter groß. Darin befanden sich also das Doppelbett, eine Kommode mit großem Fernseher und Minibar, ein freistehender Kleiderschrank, eine Kofferablage und die Tür zum Bad. Während der Eindruck des Zimmers auch hier vom grünen Teppichboden dominiert wurde, war das Bad komplett schneeweiß, sehr sauber und winzig. Nur durch einen überdimensionalen Spiegel an der Wand wurde etwas optische Größe geschaffen richtig viel Bewegungsfreiheit blieb aber nicht. Das größte Manko dieses Zimmers zeigte sich mir dann ganz klar am Abend, als ich das erste Mal die Dusche in Beschlag nehmen wollte. Denn: Es gab hier, in diesem betont auf künstlerisch wertvoll getrimmten Haus, keine Duschwanne statt dessen duschte man ganz normal auf dem Badezimmer-Boden, dessen Dusch-Zone nur durch einen ganz normalen Duschvorhang abgetrennt war.
Zu erwähnen ist auf jeden Fall, dass dieser Duschvorhang nicht ganz den Boden erreichte.
Überflüssig zu erwähnen ist, wie das Badezimmer nach meiner Dusch-Orgie aussah dabei hatte ich schon schlimmes befürchtet und war deswegen mit der Brause extra vorsichtig umgegangen Auch das Einstellen der richtigen Temperatur hatte mich vor kleinere Herausforderungen gestellt, da die Armatur einfach nur silber glänzend war. Kein Anhaltspunkt durch blaue oder rote Signale, wo das Wasser denn nun kälter und wo wärmer werden würde hier war meine ganze Experimentierfreude gefragt.
Als ob das Bad nicht schon nass genug gewesen wäre, stellte ich nach dem Duschen dann noch fest, dass sich die Handtücher nicht in der Nähe der Dusche, sondern unter dem Waschtisch befanden. Also tropfte ich auch noch die letzten verschont gebliebenen Fliesen voll aber das war mir dann auch egal.
Da ich abends bei meiner Rückkehr ins Hotelzimmer großen Durst, aber nichts mehr zu trinken hatte, nahm ich auch die Minibar etwas näher unter die Lupe. Mir widerstrebte der Gedanke, für eine Mini-Cola 3,90 Euro zu zahlen also suchte ich weiter nach einer Flasche Wasser. Diese gab es nicht in der Minibar, sondern auf dem Schränkchen daneben und als ich feststellte, dass passend zum Gesamtkonzept des Hotels nur eine Flasche Nobel-Mineralwasser mit stylisch gestaltetem Etikett (für 4,50 Euro!!!) im Angebot war, entschied ich mich jedoch, den Inhalt des Wasserhahns zum Trinken herzunehmen. Ich wollte ja schließlich nur Wasser keinen durchsichtigen Champagner
Schließlich war der Moment gekommen, als ich mich total müde und platt aufs Bett fallen ließ sanft und tief fiel und von der Matratze noch mehrere Male hin- und hergewiegt wurde. Cool, Wasserbett!, war mein erster Gedanke aber als ich die Matratze näher unter die Lupe nahm, zerstörte sich diese Illusion und ich musste mich damit zufrieden geben, lediglich auf einer viel zu weichen, rückenunfreundlichen und wahrscheinlich auch etwas durchgelegenen Matratze meine Nacht zu verbringen. Ein wenig Aufmerksamkeit schenkte ich noch dem Fernseher bzw. dem Videotext und dem Versuch, den im Fernsehen integrierten Wecker zu stellen. Anscheinend hatte ich es richtig gemacht, denn nach einer viel zu kurzen Nacht schaltete sich der Fernseher ein allerdings nicht auf ein Programm, sondern nur auf eine helle Seite mit dem Schriftzug Guten Morgen!. Kein Geräusch dazu, nichts. Hätte ich nicht in weiser Voraussicht am Abend vorher an der Rezeption einen richtigen Weckdienst bestellt (der mich fünf Minuten zuvor persönlich per Telefon ereilt hatte es war wirklich eine Dame der Rezeption in der Leitung und nicht nur ein automatisches Ansage-Band) ich hätte wahrscheinlich wohlig weitergeschlafen und das zarte Licht nicht weiter wahrgenommen.
Nachdem ich nun beim Duschen das Bad erneut unter Wasser gesetzt hatte (die Putzfrau in diesem Hotel werden RICHTIG viel Spaß an ihrem Beruf haben), packte ich noch kurz meine Sachen zusammen und machte mich dann auf dem Weg zum
Frühstück
Dazu musste ich zunächst den Gang vor meinem Zimmer passieren und auch zunächst im Dunkeln, weil ich offensichtlich zu nah an den Zimmertüren ging, vergeblich einen Lichtschalter suchte und erst nach einigen tapsigen Schritten (es war verdammt früh!!! Ich war noch nicht richtig wach!!!) feststellte, dass man einfach nur auf der Mitte vom grünen Gang laufen musste, um den Licht-Bewegungsmelder zu aktivieren. So erreichte ich doch ohne Unfall den Aufzug um dann mein Frühstück in einem in der Tat sehr schönen, hohen, optisch ansprechenden Frühstücks-Raum zu mir nehmen zu können. Kaum hatte ich mich an den Tisch gesetzt, stand schon eine ganze Kanne Kaffee auf meinem Tisch (anscheinend steigen in diesem Hotel öfter Journalisten ab und das Personal weiß, dass man hier mit einer einzelnen Tasse Kaffee gar nicht erst anfangen muss) und ich bekam den Hinweis, dass neben dem Buffet auch kostenlose Tageszeitungen zur Verfügung stünden. Ein klasse Service! Das Buffet selbst hingegen war zwar reichhaltig bestückt allerdings dann auch nicht so imposant, wie man es von anderen Vier-Sterne-Hotels gewohnt ist. Es gab verschiedenen Brot- und Brötchensorten, Käse und Wurst in rauen Mengen, Müsli, Obst, ein paar süße Teilchen sowie gekochte Eier, Rührei, Speck und Hähnchenschenkel! Ich frühstücke nun wirklich gerne deftig, aber morgens um viertel vor sieben einen Hähnchenschenkel essen och nööö! Dafür schlug ich noch einmal kräftig beim Obstsalat zu, denn der war ganz frisch aus frischen Früchten gemacht und höchst lecker. Beim Verlassen des Restaurants fiel mir dann noch ein riesiges Angebot an verschiedenen Tee-Sorten auf. Wer hier also kein Kaffee-Trinker ist der hätte trotzdem nicht verdursten müssen
Und sonst?
Abgesehen vom Frühstücksraum (der übrigens auch die Hotelbar beinhaltet), der Lobby, der Rezeption und dem Zimmer habe ich vom artotel Ermelerhaus nicht viel mitbekommen. In meinem Zimmer habe ich aber gelesen, dass es wohl auch noch sehr schöne Dinner-Räume im Roccoco-Stil gibt die ich allerdings nur durch Fenster an der Decke des Frühstücksraumes am Rande wahrnehmen konnte. Abendessen hätte es im Hotel übrigens auch gegeben, aber zu Preisen, die nicht gerade touristenfreundlich sind. So hätte eine Vorspeisen-Spargelcreme-S uppe schon 9,50 Euro gekostet und die Hauptspeisen entsprechend mehr.
Hätte ich ein Laptop dabei gehabt, hätte ich im Zimmer auch im Internet surfen können, denn alle Zimmer sind mit W-LAN ausgestattet. An die Preise kann ich mich nicht mehr genau erinnern, sie waren aber vergleichsweise moderat. Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch, dass abends in meinem Zimmer auf jedem Kissen (dabei war ich nur alleine da!) ein Betthupferl lag und zwar in Form von einem Mini-Tüchen (5 Stück Inhalt!!!) Erdnüsschen. Diese haben das Hotel auch nicht mehr lebend verlassen beide Tüten.
Check-Out und abschließende Gesamtmeinung
Der Check-Out im artotel ging wiederum problemlos vonstatten. Das Zimmer konnte ich bequem per Kreditkarte zahlen (alle gängigen Kreditkarten werden hier akzeptiert!) und ohne noch einmal extra danach fragen zu müssen, bekam ich gleich eine Rechnung auf meine Firma ausgestellt. Dann konnte ich auch den überdimensionierten Zimmerschlüssel wieder abgeben, den man mir am Abend zuvor bei meiner Rückkehr ins Hotel erst ausgehändigt hatte, nachdem ich nicht nur meine Zimmernummer, sondern auch Vor- und Nachnamen genannt hatte. Speziell das finde ich sehr in Ordnung, da doch inzwischen sehr viele Hotels dazu neigen, einfach Schlüssel nach Nennung der Zimmernummer herauszugeben ohne Kontrolle, ob es sich wirklich um die entsprechende Person handelt. Den Beweis lieferte in diesem Fall im artotel der PC, wo ich ordnungsgemäß registriert war.
Kommen wir also nun zur abschließenden Gesamtmeinung: Schön ist das artotel schon, das auf jeden Fall! Die Gestaltung des Hotels ist in der Tat künstlerisch anspruchsvoll, während ich die Geschichte, dass man auf Wunsch ein Zimmer in einer bestimmten Farbe bekommt, als schlichtweg albern erachte denn wem ist in einem Hotel schon die Farbe des Teppichbodens wichtig?
Die Zimmer selbst sind zweckmäßig, aber klein aber vor allem die Duschkonstruktion im Bad ist eine Katastrophe! Auch die Schlüsselanhänger sind etwas unpraktisch und hätten gerne eine Nummer kleiner ausfallen können.
Nichts zu bemängeln habe ich am Frühstück und am Service der war nämlich durchweg in Ordnung. Ruhe bekommt man im Hotel auch genug denn obwohl ich ein Zimmer zur Straße hatte, nahm ich vom Krach draußen so gar nichts wahr. Hätte ich ein Zimmer zur anderen Seite des Hotels bekommen, hätte ich einen direkten Blick auf den Berliner Fernsehturm gehabt was mir persönlich dann doch mehr gefallen hätte. Sollte ich bald einmal wieder nach Berlin müssen, dann werde ich ganz klar diesen Wunsch äußern.
Alles in allem kann man im artotel in Berlin-Mitte schon ganz gut schlafen aber als Tourist würde ich dieses Hotel dann doch nicht buchen. Man zahlt hier offensichtlich vor allem für den künstlerischen Anspruch denn vier Sterne hätte ich diesem Hotel dann doch nicht gegeben. Wer unbedingt zentral wohnen möchte und auch nicht aufs Geld schaut der kann im artotel Ermelerhaus getrost absteigen und hier mit Sicherheit auch ein paar schöne Tage verbringen. Ich selbst würde aber in Berlin in Zukunft anderen Hotels definitiv den Vorzug geben denn es gibt andere Hotels (z.B. das Mercure Tempelhof Airport), in denen man schöner und vor allem preiswerter übernachten kann.
stefbl, 22. Januar 2005
(Erstveröffentlichung bei ciao im Dezember 2004)