Bewertung von kikilotta im Detail
Wie jedes Jahr wollten wir uns auch in diesem Jahr mal wieder über die Osterfeiertage verdrücken und uns ein paar schöne Tage gönnen. Etwas kurzfristiger als sonst verlief die Planung, zumal mein PC eine intensive Vorbereitung via Internet derzeit kaum zuließ.
Also ab ins Auto und nach Berlin!
Nach einigen üblichen Sightseeingpunkten kamen wir zur Dokumentationsstelle an der Bernauer Straße, wo mir ein Flyer förmlich ins Auge sprang: Berlin von unten!
Der Verein Berliner Unterwelten bietet derzeit 4 verschiedene Touren durch Berlins Unterwelt an, Luftschutzbunker, Atombunker, U-Bahn oder Flakturm, tja, welche Tour ist denn da wohl die Beste?! Also der Beschreibung folgen und gleich eine der Touren mitmachen!
AUF DER SUCHE ZUM KARTENVORVERKAUF
Da mein Schatzi und ich ohnehin oft in solch verwegenen Sehenswürdigkeiten landen und das Wetter auch zu wünschen übrig ließ, standen wir Ostersonntag gegen 15 Uhr an der U-Bahnhaltestelle Gesundbrunnen und machten uns auf den Weg zur Kartenverkaufsstelle, der auf dem Flyer beschrieben wurde. Nur leider ist diese Station derzeit eine konfuse Großbaustelle und die Beschilderungen zu den Bahnen ist schon arg düftig! Naja, wir haben es schließlich gefunden und uns für die Tour 3 entschieden, welche den Titel U-Bahn, Bunker und Kalter Krieg trägt. Die Tour kostet wie die anderen drei Touren auch 9€ für Erwachsene und findet Sa und So um 12, 14 und 16 Uhr statt. In den Sommermonaten kommen weitere Führungen hinzu. Das Angebot richtet sich nach Bedarf.
Wer mit dem Lageplan und der Beschreibung auf den Flyer nicht zurecht kommt, sollte von der S-Bahnstation Gesundbrunnen kommend das Einkaufszentrum im Rücken liegen lassen und einfach die Brunnenstraße entlang laufen. Auf der Anhöhe auf der rechten Seite seht ihr übrigens die Überreste eines Flakturmes, der auch über die Berliner Unterwelten besichtigt werden kann.
Nach ca. 100 m ist der U-Bahn Zugang erreicht, in der der Kartenvorverkauf linker Hand liegt.
Die Erreichbarkeit wird sich auf jeden Fall mit Beendigung der Baustelle bessern, zumal die Unterwelten mit der BVG über das Ausstellen von weiteren Schildern verhandelt.
TREFFPUNKT ZUR TOUR 3
Okay, der Kartenvorverkauf ist gefunden, nun müssen wir nur noch in 20 Minuten zum Treffpunkt gelangen. Also wieder weiter suchen oder?
Nein! Keine Panik! Wer genau schaut, entdeckt auf dem Mittelstreifen der Straße schon einige Hinweistafeln oder die kleinen netten Betonklötze,-Einmannbunke r- die zu den Unterwelten gehören.
Der Treffpunkt der Tour 3 befindet sich vor dem Zugang zum Bunker an der Hochstraße, oder viel einfacher gesagt in unmittelbarer Nähe des Eingangs vom Holiday Inn, was trotz Baustelle nicht zu übersehen ist!
Nachdem wir als erstes dort ankamen, folgten uns einige Leute, die zuvor auch noch suchend an der S-Bahnstation standen. Vor dem Bunker standen dann schließlich eine Menge Menschen, so dass die drei Mitglieder von den Unterwelten- gut erkennbar an den orangenen Warnwesten- uns kurzerhand in zwei Gruppen aufteilten, die in Abstand von 5 Minuten den Bunker betraten.
Wir hielten uns zurück und gingen in der zweiten Gruppe, geführt von Dietmar Arnold, der sehr viele Insiderinformationen locker rüberbrachte. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Dietmar Arnold hat sehr viele Hefte oder Bücher zu diesem Thema herausgebracht und ist einer der Hauptakteure in Berlins Unterwelten! Was für ein Glücksgriff!
IM BUNKER
Im ersten Raum wurde uns kurz etwas zum Bunker allgemein gesagt und wie es zur Entdeckung kam. 1318 Menschen sollten hier im Falle eines Angriffs Platz haben
Dieser Bunker befindet sich, wie wir kurz darauf am Lageplan unschwer erkennen konnten, auf dem U-Bahnschacht der U 8. Dieses spürt man auch zwischendurch im 5-10 Minutentakt! Diese Bahn befuhr bereits 1930 zum ersten Mal die Unterwelt von Berlin. Das erklärt auch den leicht gebogenen Verlauf, der dem Tunnelverlauf angepasst wurde. Schon nach dem Bau der U-Bahn waren an dieser Stelle zahlreiche Räume für die Bauarbeiter bzw. Bahnbeschäftigten, die schließlich zu einem Luftschutzbunker umgebaut wurden. Der Bunker ist sehr weitläufig und hat teilweise 1,5 m dicke Mauer in den Gängen, die labyrinthartig umgangen werden mussten. Diesen sollten eine Druckwelle auffangen.
An den Wänden des Bunkers befinden sich neben Original Inschriften bzw. Leuchtfarbe heute zahlreiche Fotos in Großformat, die Teilaspekte des Kalten Krieges bzw. der Teilung Berlins zeigen.
Dann wird es plötzlich dunkel und wir simulieren einen Stromausfall im Bunker. Freiwillig vor! Tatsächlich befindet sich ein Arzt unter uns, der die Kranken im Ernstfall betreuen soll, eine Psychologiestudentin übernimmt die psychische Betreuung. Zwei handwerklich begabte betreiben per Muskelkraft die Lüftungsanlage und auch die Lampen fangen wieder an zu flackern. Was für ein Gefühl!
GEISTERBAHNHÖFE
Ein weiterer Aspekt sind die zahlreichen Geisterbahnhöfe. Nach der Teilung Berlins und Bau der Mauer 1961 durfte die U-Bahn zwar weiterhin durch Ost-Berlin fahren, allerdings nur noch als Transitstrecke ohne zu halten.
Unser Bunkerführer Dietmar Arnold erzählte uns, wie er sich mit seinem Kumpel als Kinder einen Spaß daraus gemacht hatte, damals die Soldaten bzw. Grenzer zu zählen, die in den so genannten Geisterbahnhöfen standen. Diese hatten dort die Aufgabe, Vergehen zu melden. Die schlimmsten und häufigsten Begehen waren das Bewerfen mit feindlichen Medien und das Bewerfen mit Genussmitteln. Einige Fotos zeigen diese Bahnhöfe 1989 unmittelbar nach dem Fall der Mauer. Beim Begehen dieser Bahnhöfe wurden zahlreiche Reliquien gefunden, die unberührt aus dem Jahre 1961 vor dem Mauerbau waren.
Huch und weiter und weiter und weiter geht es und plötzlich stehen wir vor der Tür des U-Bahnhofes Gesundbrunnen!
ÜBERFAHRT
Unsere Eintrittskarte beeinhaltet auch eine Überfahrt mit der U 8 zur Pankstraße. Dort hinter einer unscheinbaren Tür befindet sich ein Bunker aus dem Kalten Krieg für 3500 Menschen gemacht und 1977 erbaut. Diesen betreten wir durch die so genannte Schleuse, welche schon ein komisches Gefühl hinterlässt. Schließlich kann die eine Tür der Schleuse nur geöffnet werden, wenn die Tür zur Außenwelt sich schließt. Und ob die Tür zum Bunker sich für diese 30 Menschen öffnet, hängt allein von der Person hinter der dicken Mauer ab!
Dort angekommen sehen wir den Krankensaal, Liegesäle, die Küche und auch Lüftungsanlagen Insgesamt recht beeindruckend und angeblich auch noch alles voll funktionsfähig! Da verbleibt doch wirklich eine Gänsehaut!
KOMMENTAR
Leider ist das Fotografieren während der Führung nicht erlaubt, was ich persönlich sehr schade finde Naja, ein paar Außenaufnahmen der Umgebung waren doch noch drin!
Ich bin vom Umfang und der Masse der Informationen sehr beeindruckt. In den rund 90 Minuten der Führung fehlte mir zwar immer wieder die Zeit, die zahlreichen Dokumente und Fotos an den Wänden anzusehen, dennoch habe ich einen Eindruck von dem erhalten, was die Unterwelten von Berlin zu bieten haben. Die Kommentare und Anekdoten unseres Bunkerführers haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Jeder der die Geschichte Berlins nicht unberührt lässt oder der sich für Bunker interessiert, sollte auch Berlins Unterwelten mit in die Liste der Sehenswürdigkeiten setzen.
Berliner Unterwelten10
Einzelbewertung
-
Erreichbarkeit
-
Muss man gesehen haben
-
Budget-Freundlichkeit
-
Architektur
-
Konzept
-
Exponate
-
Bedeutung