Bewertung von squarerigger im Detail
squarerigger
Kandel, Deutschland93%
Interessant, faszinierend, beschämend, frustrierend...
... dies sind die Attribute, welche ich dem Jüdischen Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, 10969 Berlin, www.jmberlin.de zuordnen würde. Warum ich gerade diese Attribute wählen würde, erläutere ich später.
Der spektakuläre Neubau des Museums, entworfen vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind (derzeit im Gespräch durch seine Pläne für die Neubebauung von Ground Zero in New York), wurde 1999 eröffnet. In diesen Neubau zog nach Fertigstellung die ehemalige Jüdische Abteilung des Berlin-Museums um, so daß der Traum eines eigenständigen Jüdischen Museum endlich realisiert werden konnte. Libeskind selbst bezeichnet sein seltsam gezacktes Gebäude als einen zerstörten, zerborstenen Davidstern - könnte es ein deutlicheres Symbol für die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland geben? Leider nicht, so meine Meinung dazu.
Neben einer Dauerausstellung mit dem Titel "Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte" gibt es im Jüdischen Museum immer wieder verschiedene Wechselausstellungen. Ich beschränkte meinen Besuch allerdings aus Zeitgründen auf die Dauerausstellung, so daß ich auch nur hierüber berichten kann. In 14 Abschnitten dokumentiert diese Ausstellung die zweitausendjährige Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland, angefangen bei den Römern, in deren Gefolge die ersten Juden hierher kamen, bis hin zur Gegenwart. Ich möchte hier nur kurz die Titel der einzelnen Abschnitte benennen:
I. Die Anfänge
II. Die mittelalterliche Welt von Aschkenas
III. Glikl bas Juda Leib
IV. Land- und Hofjuden
V. Moses Mendelssohn und die Aufklärung
VI. Tradition und Wandel
VII. Im Schoße der Familie
VIII. Gleiche Pflichten - gleiche Rechte?
IX. Die Entstehung des modernen Judentums
X. Moderne und Urbanität
XI. Ost und West
XII. Deutsche Juden - jüdische Deutsche
XIII. Verfolgung - Widerstand - Vernichtung
XIV. Die Gegenwart
Diese Ausstellung schafft einen interessanten Spagat. Zum einen wird hier vermittelt, wie das Leben unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, geprägt durch den Glauben, in den letzten zwei Jahrtausenden aussah; insofern ist diese Ausstellung zuerst einmal eine rein historische Dokumentation. Zum anderen wird aber, was sich aufgrund der historischen Gegebenheiten gar nicht vermeiden läßt, auch immer wieder dokumentiert, daß es in der ganzen Geschichte des jüdischen Lebens in Deutschland Diskriminierung und Verfolgung gab, insofern handelt es sich auch um eine politische Ausstellung. Daß der Holocaust der traurige Gipfel dieser Verfolgung war, ist bekannt - aber hier werden auch die Entwicklungen, die zum größten Massenmord in der Geschichte überhaupt führten, aufgezeigt. Ich persönlich halte diese Ausstellung für außerordentlich betrachtenswert.
Durchaus positiv empfand ich, daß die Ausstellung sehr sachlich präsentiert wird. Es wird auf Schuldzuweisungen verzichtet, vielmehr werden gerade beim Thema Holocaust Fakten und Dokumente aufgezeigt, welche jedoch durch ihre pure Existenz zum Nachdenken anregen sollen (mir fallen hier leider auch einige Menschen ein, denen allein schon deshalb ein Besuch zu empfehlen wäre) und dies auch tatsächlich tun. Auf den mahnend erhobenen Zeigefinger wird bewusst verzichtet, und gerade deshalb ist dieser Teil der Ausstellung in meinen Augen am beeindruckendsten, denn genau dadurch wird er meiner Meinung nach zu einer eindringlichen Mahnung, daß es nie wieder so weit kommen darf und daß wir alle eine besondere Verantwortung hierzu haben.
Neben der eigentlichen Dauerausstellung gibt es noch zwei kleinere Dokumentationen, die sich mit besonderen Themenstellungen befassen:
Auf dem Weg zum sog. "Garten des Exils" wird die Geschichte der Auswanderung deutscher Juden dargestellt und als ein Teil des jüdischen Lebens in der Fremde, fernab von der geistlichen Heimat Palästina vermittelt, wie es auch im berühmten Satz der Pessach-Zeremonie "Nächstes Jahr in Jerusalem" deutlich wird. Der eigentliche Garten des Exils soll hieran erinnern - er besteht aus 49 Betonsäulen, in denen Bäume wachsen. 48 dieser Säulen sind mit Erde aus Berlin, also aus einer Stadt des Exils, gefüllt. Sie erinnern an die Gründung des Staates Israel im Jahre 1948. Die 49. Säule dagegen enthält Erde aus Jerusalem. Bei den aus den Säulen wachsenden Bäumen handelt es sich um Ölweiden, die in der jüdischen Tradition für Frieden und Hoffnung stehen.
Der Weg zum sog. "Holocaust-Turm" ; wiederum wird zum einen von den Namen der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager, in welchen Millionen jüdischer Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden, zum anderen von Dokumentationen über Opfer des Holocaust, gesäumt. Der Holocaust-Turm selbst ist ein hohler, hoher, nackter Betonbau, in dem es dunkel ist. Licht fällt nur durch einen schmalen Schlitz an der Oberseite hinein. Es ist ein Gedenkraum, der mit seiner Nacktheit und Leere an die vielen jüdischen Opfer des Massenmordes erinnern will, was auch gut gelingt. Die Atmosphäre dort lädt zum Nachdenken ein.
Ehe ich nun zum Ende komme, möchte ich auf die vier in der Überschrift genannten Attribute eingehen. Das Jüdische Museum ist:
... interessant, weil es völlig neue Einblicke in mir bisher teilweise unbekannte Teile jüdischen Lebens in Deutschland gibt.
... faszinierend, weil man hier die kulturelle und historische Bedeutung des jüdischen Lebens in Deutschland spüren kann.
... beschämend, weil hier immer wieder deutlich wird, wie viel man hierzulande jüdischen Mitbürgern in Politik, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft zu verdanken hat und weil man sieht, daß es hierfür häufig keinen Dank gab.
... frustrierend, weil man immer wieder erkennen muß, wie dumm viele Menschen doch sind, wenn sie einen leider auch heute noch bei vielen latent vorhandenen Antisemitismus ausleben.
Ich kann einen Besuch im Jüdischen Museum uneingeschrän kt empfehlen. Geöffnet hat es täglich von 10 - 20 Uhr, Montags bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet 5,00 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Zu erreichen ist das Museum mit den U-Bahn-Linien U1, U6, U15, Haltestelle Hallesches Tor. Zu beachten ist noch, daß (aus leider verständlichen Gründen) am Eingang eine strenge Sicherheitskontrolle (Metalldetektoren bzw. Handsonde für Menschen, Durchleuchtungsgerät für Jacken, Taschen, etc.) durchgeführt werden.
Im Museum befindet sich auch das nach dem bekannten jüdischen Maler Max Liebermann benannte Restaurant "Liebermanns". Dort werden Gerichte in der Tradition der jüdischen Küche, teilweise auch koscher, serviert.
Jüdisches Museum10
Einzelbewertung
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Erreichbarkeit
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Muss man gesehen haben
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Budget-Freundlichkeit
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Architektur
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Konzept
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Exponate
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Bedeutung