ROCHade
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DER TRANSFER VOM FLUGHAFEN
zum Club-Hotel COLONIA DE SANT JORDI war früher eine eher langwierige Angelegenheit. Doch seit die Autobahn von Palma in Richtung Süden bis kurz vor Campos ausgebaut worden ist, fährt der Bus auf direktem Weg gerade mal eine halbe Stunde in den Südosten Mallorcas.
Auf dem Weg dorthin entdecke ich einige der typisch mallorquinischen Windmühlen, die ein Markenzeichen der Insel sind.
Gleich am Ortsanfang von Colonia de Sant Jordi, an dem sich auch eine Tankstelle befindet, was allen die mit dem Mietwagen die Insel erkunden, unnötiges Suchen erspart, biegt der Bus nach rechts ab, überwindet wieder einmal einen der unzähligen Kreisverkehre auf Mallorca und fährt dann bereits am riesigen Grundstück des Club-Hotels vorbei. Hier haben die Planer großzügig Platz berechnet, damit möglichst viele Miet-Fahrzeuge der Hotelgäste einen Parkplatz finden können.
Ebenso großzügig wurde die Auffahrt zum Haupthaus angelegt. Trotz einiger Falschparker fährt der Bus am medizinischen Zentrum und am Fahrradverleih des Hotels vorbei und umrundet einen Springbrunnen zur Hälfte, bevor er anhält.
DIE LAGE
des Hotels ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Rechts vom Hotelgelände erstreckt sich eine Saline, drei mittelhohe Salzberge zeugen davon, daß hier Salz gewonnen wird.
Der Weg zum Strand ist unterschiedlich lang. Den Stadtstrand am Hafen erreicht man nach einem rund 15-minütigen Spaziergang. Von dort kann man je nach Strapazierfähigkeit der Füße die Bucht entlang laufen und am Ende an den dünn besiedelten Es Carbo-Strand kommen, an dem sich neben textilen Sonnenanbetern auch ein paar Nacktbader in den Dünen tummeln.
Der Es-Trenc-Strand, der als einer der Schönsten auf Mallorca in vielen Reiseführern gehandelt wird, wird mehrmals am Tag mit dem hoteleigenen Bus angefahren. Doch auch hier gilt nach der halbstündigen Fahrt: Die Füße sollten einen schon noch ein weiteres gutes Viertelstündchen tragen, wenn man Wert auf sozialverträgliche Abstände zum Handtuchnachbarn haben möchte. Hier gibt es im übrigen dann auch einen speziell ausgewiesenen Naturistenbereich, wo ein buntes Miteinander zwischen Nackten und textilen Sonnenanbetern stattfindet.
Das Hotel selber liegt abseits von vielbefahrenen Straßen, hat aber zwei zu Fuß in knapp zehn Minuten zu erreichende Supermärkte und nach fünf weiteren Gehminuten auch das Ortszentrum in Reichweite. Ein beschauliches Ortszentrum, ideal für alle, die weder Adria-Souvenirläden noch Ballermann-Musikgetöse als geheimsten Wunsch mit auf die Balearen bringen.
Aber zurück zum Hotel.
DAS HAUPTHAUS
des Club-Hotels Colonia Sant Jordi ist ein Zweckbau aus Glas und Beton, den man sich allenfalls einprägt, um sein Hotel nach einem Strandtag oder einem Ausflug wieder zu erkennen. Zwei elektronische Türen öffnen sich bereitwillig, die Ankömmlinge quellen in die Empfangshalle, in der rechts die Tische für die Reiseveranstalter, von Thomas Cook über Jahn und Neckermann bis zu L-tur, während ihrer Sprechstunde befinden. Links davon erwartet uns die langgezogene Rezeption.
Während ich einchecke, bemerke ich direkt neben der Rezeption eine Glasfront, die einen Blick auf eine gelungene Anpflanzung von Kakteen frei gibt. Dort stehen zwei Internet-Terminals. Sieben Minuten online für einen Euro erzählt mir der freundliche Empfangschef und quittiert meine hochgezogene Augenbraue mit einem Schmunzeln. In Sant Jordi selber kann man dafür dreimal so lang surfen.
Eine Treppe führt in die erste Etage des Haupthauses. Hier befindet sich eine Lobby, die tagsüber vollständig verwaist ist, da sie düster und eher unfreundlich wirkt. Abends bahnt man sich hier den Weg durch die Tische, an denen Gäste sitzen, die noch ihren Apéritif oder bereits ihren Kaffee danach genießen, um zu einem der drei Säle zu gelangen, aus denen das Restaurant besteht.
DAS RESTAURANT
hat in jedem dieser drei Säle jeweils drei kreisrunde Theken. Hinter der Größten davon warten die Köche darauf, den Gästen die Teller mit meist Frischgebratenem zu füllen. Beim Frühstück beschränkt sich dies auf Spiegelei und Speck. Die Tortillas kommen bereits fertig aus der Küche aufs Buffet, sind meist nur noch lauwarm und kein Gaumenkitzler.
Das Frühstück
ist in diesem Hotel der schweizerischen Blau-Kette eine fantasielose Angelegenheit. Zwei Wochen lang erwarten den Gast allmorgendlich die gleichen Marmeladen, die selben Schinken- und Käseplatten. Auch die Auswahl an Säften ist gleichbleibend und bietet nur das A und O-Banalsortiment.
An einem der beiden kleinen Rondells ist morgens die Bäckerei aufgebaut. Mohn- und Sesambrötchen, Baguette und Toastbrot werden durch Muffins und mit Vanille gefülltes Gebäck ergänzt.
Auf dem zweiten Rondell befindet sich das Obst, das nur für den Verzehr im Speisesaal vorgesehen ist. Ansonsten verweist ein für ein Vier-Sterne-Haus armseliges, weil klein kariertes Schild darauf, daß jedes Stück Obst mit 30 Cent am Speisesaalausgang berechnet wird. Jedes Stück, denke ich... Aha, auch eine Ananas ist EIN Stück.
Und so kommt es, daß mancher noch vor dem Frühstück nicht schwangere weibliche Gast, den Frühstücksraum plötzlich mit einem kleinen Apfel-Bäuchlein verläßt. Die Direktion des Hauses weiß nach zehn Jahren wohl immer noch nicht, daß gerade solche Hinweisschilder die Lust aufs Schmuggeln beim Gast beflügeln.
Nachdem ich gefrühstückt habe, verlasse ich das Haupthaus auf der oberen Ebene über eine Holzbrücke, die in den Garten der Hotelanlage führt. Und der ist das absolute Plus, das die Entscheidung PRO Club-Hotel ausfallen läßt.
DIE GARTENANLAGE
ist mit schweizerischer Akribie gepflegt. Rasenflächen wechseln sich mit Sträuchern ab, unterschiedlichste Blumenarten sind angepflanzt und eine Handvoll mächtiger Palmen begleiten mich auf dem Weg vorbei an dem ersten der fünf meist zweigeschossigen Wohnhäuser. Fast habe ich den Eindruck, der Gartenarchitekt hat das Gelände bewußt wellenartig gestaltet. Auf meinem Weg zu Haus vier auf dem Hotelgelände registriere ich die von einem Bademeister überwachte großzügig angelegte Poolanlage mit Whirlpoolelementen. Ich entdecke eine tropisch anmutende kleine Bar, deren Hocker zum Teil im Pool verankert sind, mehrere Dutzend Liegen und eine Pizzeria, in die sich immer nur äußerst wenig Gäste verirren. Dann passiere ich das Clubhaus, in dem sich die Sauna, das türkische Bad und das Hallenbad befinden.
Ein erster von mehreren mittelgroßen Seen mit Wasserfall und Teichpflanzen läßt meinen Blick erst nach einem kurzen Moment des Genießens auf die Sand-Tennisplätze fallen. Sport-Scheck ist hier mit Werbung präsent, nutzt das Hotel wohl als eines seiner Trainingscamps. Über eine weitere Holzbrücke, zu deren Linken leicht erhöht Haus drei liegt, finde ich nach fünf Gehminuten den Eingang zu Haus vier.
Der Aufzug des Gebäudes reagiert so lahm und unwillig, daß ich ihn in den vierzehn Tagen meines Aufenthalts nur dreimal benutze. Die Treppen bis in die erste Etage werde ich ja gerade noch schaffen.
DIE WOHNQUALITÄT
im Hotel Colonia de Sant Jordi deutet sich bereits an, wenn man das Gebäudeinnere erreicht. Mein Zimmer erreiche ich über einen Umlauf, der im Erdgeschoß dezent bepflanzt ist und in dem sich als Eye-Catcher ein Bananenbaum samt Früchten und Blüte heimisch fühlt.
Die Zimmertür öffnet sich, nachdem ich die Code-Card kurz in den Schlitz geschoben habe und ich befinde mich in einem ansprechend möblierten, etwa 15 Quadratmeter großen Raum. Eine Couch, umrahmt von zwei Tischlampen, ein Couchtisch und ein Fernseher sorgen für Anerkennung in meinem Blick. Die Mini-Bar und der Kleiderschrank daneben registriere ich, doch mein Weg führt mich gleich in den zweiten Raum.
Zwei große Einzelbetten lassen Liegekomfort erahnen, machen aber bereits klar, daß bei sexuellen Vergnügungen ein Auseinanderdriften des Liegemobiliars unausweichlich sein wird. Von der Decke prangt ein riesiger Ventilator, der dem Zimmer einen leichten Kolonialcharakter verleiht und in erster Linie für die Gäste gedacht ist, die die in beiden Räumen individuell regulierbare Klimaanlage nicht nutzen möchten. Stuhl und großer Wandspiegel komplettieren das Interieur des Schlafzimmers.
Die im Prospekt des Reiseveranstalters gelistete Musikanlage befindet sich neben dem Bett. Vier Knöpfe, über deren Bedienung sich so mancher Gast wohl während seines gesamten Aufenthalts nicht klar werden wird, bieten ein einziges Musikprogramm, das durch ständiges Begleitziepen sofort zum Ausschaltfaktor wird.
Genau so großzügig von den Quadratmetern bemessen wie das Schlafzimmer ist das Bad. Eine Badewanne, ein Bidet, Toilette, Waschbecken und vor allem die riesengroße Ablagefläche lassen Frauenherzen höher schlagen. Während des Aufenthalts ist jedoch auch im sanitären Bereich der Schweizer Geiz des Hotelkonsortiums zu spüren. Einmal aufgebrauchte Seifen oder Shampoopäckchen werden nicht oder erst auf Anfrage eher unwillig ersetzt.
DER SERVICE
ist der eindeutige Schwachpunkt des Hotels. Das Personal an der Rezeption macht dabei noch den besten Schnitt. Schon im Restaurant wird augenfällig, dass die Bedienungen schlecht geschult sind. Noch dazu ist die Zahl der Demoiselles, die sich hier um das Wohl der Gäste kümmern soll, auf eine Hotel-Belegung von zirka 70 Prozent ausgerichtet. Bei annähernd voller Auslastung wird morgens kein Gast mehr mit Kaffee versorgt, leer gegessene Teller bleiben achtlos auf den Tischen stehen, wer als Gast eine zusätzliche Gabel oder ein Messer braucht, muß detektivische Fähigkeiten einsetzen, um einer der Bedienungen angesichtig zu werden und beim Warten auf frische Teller kommen öfter längere Gespräche mit anderen Gästen am Buffet zustande.
Die Köche nehmen ihre Show-Cooking-Aufgabe nicht sonderlich ernst. Steaks werden in rauen Mengen vorgebraten und liegen übereinander gehäuft so lange am Rand der Bratfläche bis sich die Gäste ihrer erbarmen.
Und der Zimmerservice hat zwei miserable Eigenschaften. Wahre Rollkommandos mit Einsatzwagen sind morgens ab acht Uhr früh unerbittlich auf dem rillendurchsetzten Steinboden des Gebäudes unterwegs und verursachen einen Höllenlärm. An ausschlafen ist nicht zu denken. Und Genauigkeit beim Putzen ist im Hotel Colonia Sant Jordi keine Tugend. Tagelang verbleibende Wasserspritzer am Spiegel und Haare auf dem Boden machen dem Gast klar, dass er sich ein bisschen mehr zusammenreißen könnte bei der Körperpflege.
Hand- und Badetücher tauscht der Zimmerservice immer dann aus, wenn sie auf dem Rand der Badewanne oder auf dem Boden liegen, Bettwäsche wenn ein eigens dafür vorgesehenes Schild an die Bettwäsche geclipt wird. Aber Vorsicht: An beiden Laken festclippen, sonst wird nur ein Bett frisch bezogen.
Beide Räume haben blickdichte Vorhänge speziell für Menschen wie mich, die nur bei absoluter Dunkelheit schlafen können. Ich öffne die Balkonschiebetür und gehe hinaus auf den Balkon. Zwei Plastikstühle und ein Hocker werden dem Ambiente, den die Zimmer verströmen, nicht gerecht. Dafür ist der Blick auf etliche Pinien eine Augenweide.
In den nächsten Tagen lade ich meinen Akku langsam wieder auf, indem ich Tennis spiele, einen Tauchschnupperkurs, den eine mit dem Hotel kooperierende Tauchschule kostenlos anbietet, belege, zum Segeln gehe und mich allmorgendlich mit einem Dutzend Gästen auf dem Schießstand treffe.
DIE ANIMATION
im Club-Hotel Colonia de Sant Jordi ist sehr bemüht und versucht ihre Aufgaben so gut es dem Einzelnen möglich ist, in den Griff zu bekommen. Da die Aufgaben in einem Rotationsprinzip erledigt werden, treffe ich beim Schießen mit Pistole, Luftgewehr und Bogen die sympathischen Animateure aus Kanada, Finnland und Spanien im Wechsel.
Tagsüber leisten sie gute Arbeit, doch bei den meist von ihnen dargebotenen Abendshows sind sie total überfordert. Vieles von dem was dargeboten wird ist ohnehin einfallslos, etwas das lippensynchrone Mimen von Musicalmelodien zu Vollplayback und wird eher laienhaft präsentiert. Doch kann man ihnen dies zum Vorwurf machen. Die echten Multitalente verschwenden ihre Zeit ohnehin nur in den seltensten Fällen mit einem Job als Animateur.
Vielleicht ist das Management des Hauses auch der Meinung, dass der Gast nach einem guten Abendessen ohnehin zufrieden ist.
DAS ABENDESSEN
im Club-Hotel überzeugt an allen Tagen. Neben einer Gazpacho, die ich aus Andalusien allerdings besser kenne, warten allabendlich zwei Suppen auf den hungrigen Gast. Das Vorspeisenbuffet wartet auch mal mit Roastbeef und Krabben auf, die Rohkostfans werden farbenprächtig zum Zugreifen animiert. Zweierlei Fisch, dreierlei Fleisch, Paella und sonstige Reispfannen werden mit einer variierenden Auswahl an Gemüse ergänzt.
Sogar täglich anders belegte Pizzastücke und Spagetti finden, nicht zuletzt wegen der Kinder, ihren Platz auf dem großen Rondell des Speisesaals.
Das eine kleine Rondell bietet ein Käseauswahl und Brot an. Das zweie Mini-Rund mit den Desserts wartet mit täglich variierenden eingelegten Früchten auf, bietet Sahne- und Obstkuchen ebenso wie verschiedenste Crèmes. Auch hier ist der Gourmet zufrieden und vergißt am Besten was die Waage ihm als Endabrechnung vorlegen wird.
DAS FAZIT
von mir nach zwei Wochen im Hotel Colonia Sant Jordi fällt gemischt aus.
Eine bestechend schön angelegte Gartenanlage, vielfältige sportliche Möglichkeiten und überzeugende Unterkünfte stehen auf der Plus-Seite.
Auf der Negativ-Seite jedoch steht der Service. Er ist der Schlechteste, den ich bislang in einem Vier-Sterne-Hotel in Spanien und auf den Kanaren erlebt habe.
Das Management, das sich im übrigen um die vielen Schweizer Gäste vorwiegend sorgt, was mehrmals übel aufgestoßen ist, begegnet diesen Unzulänglichkeiten mit Arroganz. Vielleicht, weil der deutsche Gast nicht so empfindlich hohe Preise für den Aufenthalt wie der Eidgenosse zahlt?
Schließlich hält sich so mancher Gast hier im Hotel auf, weil er es als Last-minute-Schnäppchen bei L-tur entdeckt hat...
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