Bewertung von Moravanka im Detail
Moravanka(46)
Alsdorf, Deutschland98%
Jeder der sich die Burg wirklich genau ansehen möchte, wird hier zumindest eine Woche verbringen müssen, um alle Sehenswürdigkeiten angemessen besichtigt zu haben. In drei Stunden kann man zwar schnell durch die Burg fetzen, habt aber dann die schönsten Ecken nicht gesehen. Bereitet euch auf lange Spaziergänge, steile Klettertouren und atemberaubende Ausblicke über die Stadt Prag (und Stadt meiner Jugend) vor.
Prazský Hrad
Der größte Anziehungspunkt in Prag ist nach wie vor die Burg; einst Machtzentrum von Religion und Politik gleichermaßen. Seit 1989 weht ein anderer Wind durch die uralten Gemäuer der Burg und Ex-Präsident Waclaw Havel wollte aus der Burg eine Stätte machen in der auch Kunst und Kultur ihren, ebenbürtigen, Platz finden. Im politischem Vermächtnis von Havel steht geschrieben, daß jeder Raum und jeder Platz in und auf der Burg, der nicht nötig ist für Regierungsgeschäfte, zur Verfügung gestellt wird an das Volk.
Heute ist die, einst uneinnehmbare, Burg wieder voll zugänglich für Mensch und Verkehr; ein Treffpunkt, ein Platz wo das öffentliche Leben wieder in Freiheit stattfindet und keine geschlossene Front mehr, die entscheidet über das Wohlergehen des Volkes.
Fangen wir jetzt an mit dem Rundgang über die Burg.
Der erste Innenhof
Man gelangt zum ersten Innenhof über das Haupttor und ist somit sehr einfach zu finden; steht überall beschildert. Dieses Haupttor wird Tag und Nacht bewacht durch die Garde des Präsidenten. Seit 1990 trägt die Garde übrigens eine Paradeuniform, die durch den Kostümentwerfer entworfen wurde, der auch die Kostüme für die Filme Amadeus und Valmont auf seinem Namen schrieb - Theodor Pestek. Auch wenn die stündliche Wachablösung am Haupttor (über den ersten Innenhof) nach wie vor ein sehr imposantes Geschehen ist, so verkam diese unter Waclaw Havel zu einer Art von Theatervorstellung und hat nichts mehr mit dem zu tun, was ich noch aus meiner Kindheit kenne. Typische Touristenshow würde man so denken, aber trotzdem empfehle ich hier die Wachablösung um 12 Uhr Mittags; die ist wenigstens wirklich spektakulär.
Endlich ist die Wachablösung vorbei und wir gehen durch das Haupttor und stehen direkt auf dem ersten Innenhof, direkt umgeben durch drei monumentale Giebel. In der zweiten Hälfte des 18en Jahrhunderts, wurde der erste Innenhof in einem sehr klassizistischen Stil errichtet. Jeder Besucher (und auch ich - immer wieder) wird beeindruckt sein von der Macht die dieser Hof und die riesigen Gebäude ausstrahlen. Auftraggeberin dieses Innenhofes, war Kaiserin Maria Theresia und Nikolaus von Pacassi der Baumeister.
Wir laufen jetzt durch das nächste Tor, das Matthiastor, das in 1614 erbaut wurde durch....richtig...Kaiser Matthias. Es war das erste barocke Bauwerk in Tschechien. Wenn wir, staunend, durch dieses Tor gehen, kommen wir an auf dem zweiten Innenhof.
Der zweite Innenhof
Nicht groß aber dafür wunderschön; der zweite Innenhof aus dem 15en Jahrhundert. Einst war hier ein doppelter Wassergraben, der die Feinde davon abhalten sollte, die Burg von der westlichen Seite zu belagern. Im 18en Jahrhundert baute man die Heilige Kreuzkapelle auf diesen Innenhof um darin die Reliquien des Veitsdoms auf zu bewahren. Die Reliquien sind längst im Dom untergebracht und aus der Kapelle wurde...ein Souvenirladen, jawohl. Die Reliquien sind übrigens nicht mehr durch das Publikum zu besichtigen.
Die kleinen Gärten
Wer sich Richtung Norden dreht auf den zweiten Innenhof, wird eine kleine Tür entdecken im Gemäuer; hier gelangt man zu der sog. Galerie. Ein hochtrabender Name, für das, was früher die Reitställe vom Kaiser Rudolph II waren. Jetzt ist es eine Galerie, in der man die Reste der gigantischen Kunstsammlung des Kaisers untergebracht hat. Ursprünglich umfaßte die Gemäldesammlung 550 Kunstwerke; Leichenfledderer und Erben verteilten 450 Gemälde aus dieser Sammlung unter sich und über die Welt. So kann man heute nur noch ein kläglicher Rest dieser Sammlung sehen - darunter herrliche Gemälde von Rubens, Titiaan und Rembrandt.
Wenn man sich satt gesehen hat an den prächtigen Gemälden, dreht sich nun um und geht die Galerie bis zum Ende durch. Dort befindet sich eine Brücke. Vor der Brücke dreht man aber kurz nach Links um der Ecke und wir stehen in der Mitte eines sehr kleinen und intimen Parks, dessen Blütenduft (vorausgesetzt man geht im Sommer hin) uns fast den Atem raubt.
Von diesem kleinen Park führen uns prächtige gehauene Stufen in den sog. Spanischen Saal; hier kann man leider nur durch die Scheiben schauen. Der Saal ist für Publikum geschlossen. Trotzdem lohnt sich ein Blick durch die, 12 Meter hohen, Fenster.
Die königlichen Gärten
Schon müde? Nichts davon, wir gehen jetzt zurück zu den kleinen Gärten und gelangen von dort in en königlichen Gärten. Leider ist der Pracht und Prunk aus vergangenen Jahrhunderten verschwunden; die Gärten wurden nach 1989 modernisiert und diene jetzt hauptsächlich Ausstellungszwecke. Die ganze schöne Gartenarchitektur von heute ist nur ein billiger Abklatsch von der königlichen Pracht die hier einst blühte und gedeihte.
Am Ende des Gartengeländes, befindet sich ein hohes Gitter. Dahinter befindet sich das Lustschloß Belvedere, das Ferdinand I bauen ließ und damit die Renaissance nach Prag brachte. Auch hier werden Ausstellungen gehalten - allerdings auf sehr hohem Niveau und nicht für Otto Normal zugänglich.
Warum man den Brunnen in den königlichen Gärten, übrigens Singender Brunnen nennt, entdeckt man schnell, wenn man daran vorbei geht. Das paßt auf keinen Polaroidbild - das muß man gehört haben.
Der dritte Innenhof
Keine Panik, mehr wie drei Innenhöfe gibt es nicht und verlaufen kann man sich nur innerhalb von den Gebäuden. Wer sich nur Draußen aufhält, wird sich sehr gut zurecht finden, da alle Höfe in einander übergehen.
Der dritte Innenhof umringt den Sankt Veitsdom und gibt Zugang zu den Büros des Präsidenten und seine Regierungsmitarbeiter. Den japanischen Botschafter sieht man dort mittlerweile auch öfters ein und ausgehen. Zwischen Touristen, Schulkinder und Bürger, kann es durchaus sein, daß ein Regierungsauto vor fährt und dort der Präsident oder sonst ein dickes Tier aussteigt, als wäre es eine Bushaltestelle. Also schön Augen aufhalten.
Der Sankt Veitsdom
Vom dritten Innenhof gelangt man durch einen kleinen Bogen zum Sankt Veitsdom; groß, prächtig und golden schimmernd in der Sonne. An dieser Stelle stand (jetzt ein wenig Geschichte) im 9en Jahrhundert die erste Kirche in Prag - klein, armselig und aus Holz gebaut. Im Jahre 1344 gab Kaiser Karl IV den Auftrag, eine richtige Kirche an dieser Stelle zu errichten. Der Baumeister war Matthias von Arras und sein Nachfolger wurde Peter Parler. Er war es auch der den Dom seine heutigen Kernaufbau gab - eine Chor umsäumt von vielen kleinen Kapellen, den heiligen Raum worin man die Kronjuwelen unterbrachte und der elegante und zierliche Glockenturm, der mich bis heute begeistert. Beendet wurde der Bau des mächtigen Doms erst im Jahre 1929.
Die schönste Kapelle im Inneren des Domes, ist wohl die Kapelle des Heiligen Wenzels; die Kapelle wurde direkt über seinem Grab errichtet.
Wer die Treppen hinab steigt in der Heiligen Kreuzkapelle, wird dort die Steinsärge entdecken der Baumeister: von Arras und Parler; zwei Künstler dessen fähige und phantasievolle Hände und brillante Gehirne längst zu Staub geworden sind.
Wer sich in Richtung des Hochaltars bewegt, wird dort auf einem Sockel aus Marmor einen silbernen Sarg entdecken; darin befinden sich die sterblichen Überreste des Johannes von Nepomuk. An der Rückwand hinter dem Sarg sind immer noch Archäologen am Werke; erst vor Kurzem, wurden hier wichtige Funde gemacht und man ist dabei zwei Fürstengräber frei zu legen. Eine sehr interessante Angelegenheit, aber die Archäologen sollte man in Ruhe arbeiten lassen.
Der alte Palast
Wer bis hier gekommen ist, hat die Hälfte der (äußeren) Besichtigung der Burg hinter sich. Vor uns liegt jetzt der alte Palast; Teil der Originalburg aus dem 13en Jahrhundert. Das Tor ist zwar wunderschön und auch wirklich imposant, wurde aber viele Jahre später durch den Architekten Pacassi angebaut.
Im Palast findet man einen Raum mit einer Fläche von 62 m; als der Saal in 1492 gebaut wurde, gab es in ganz Europa keinen (weltlichen) Raum aus Stein, der größer war als dieser. Wer ganz andächtig lauscht, wird sogar das Klirren der Schwerter noch hören können - in diesem Saal wurden einst Ritterturniere und Bälle veranstaltet.
Der alte Palast bietet viele kleinere und größere Sehenswürdigkeiten und so ist es jedem selbst überlassen, diese zu entdecken - der Pariser Saal, die Allerheiligenkapelle, der Mihulkaturm oder die Werkstätten der Alchimisten aus dem 16en Jahrhundert.
Die Basilika Sankt Georg
Endlich haben wir das älteste Gebäude der Burg erreicht; es wurde um 925 errichtet und zweimal durch Brand zerstört und wieder aufgebaut. Leider hat man es hier nicht so ganz genau genommen mit dem Baustil und so bekam die sehr triste Basilika eine barocke Front.
In der Basilika ist jetzt ein Museum untergebracht, das sich spezialisiert hat auf religiöse Kunst und gotische und barocke Kunst aus ganz Tschechien; das Museum gehört zu den wichtigsten Museen Tschechiens.
Auch die Grabgewölbe der Basilika sind einen Besuch wert; hier liegen etliche Premyslidenfürsten zur ewigen Ruhe gebettet in kunstvoll bearbeitete Steinsärge.
Die restlichen Gebäude der Burg
Jetzt geht es bergab und wir kommen aus am Lobkovicpalast an der Jirska; im Palastgarten kann man sich ausruhen und sich erholen von dem langen Spaziergang (der übrigens noch weiter geht); im Palastgarten werden im Sommer fast jeden Abend Konzerte veranstaltet und man sollte sich die Mühe/Zeit nehmen einer dieser Konzerte (teils gratis) zu besuchen. Die Programme sind interessant und durchaus anspruchsvoll.
Von hier geht es dann runter zur Goldenen Gasse; auch dies ist/war einst Teil der Burg. Leider zahlt man hier jetzt Eintritt, weil Touristen mittlerweile viele Schäden an den pastelfarbenen Häuschen aus dem Mittelalter angerichtet haben (und es immer noch tun). Die Preise wurden in den letzten Jahren ein paar Mal umgestellt und so muß man kurz nachschauen am Eingang der Gasse; das letzte Mal (2002) habe ich 25 Kronen bezahlt.
Am Ende der Gasse steht der Daliborkaturm; leider auf immer und ewig für das Publikum geschlossen, aber trotzdem einen Anblick wert. Der Turm aus dem 12en Jahrhundert war einst das Gefängnis des Ritters Dalibor (kennt man auch aus einer Oper von Bedrich Smetana).
Wenn man nun die Gasse wieder verläßt, aber am Eingang links statt rechts geht, kommt auf einer Straße die nach unten führt; so gelangt man über die steilste Straße Prags wieder in der Stadt aus - Fußweg noch etwa 15 Minuten und steht dann vor der Karlsbrücke und dem Pulverturm.
Dies war übrigens ein Eindruck vom kurzen Burgrundgang; der lange Burgrundgang würde nicht mal Platz finden in vier Berichte dieser Länge. Einlaß zu den ersten, zweiten und dritten Innenhof und sämtliche Gassen und Straßen auf der Burg, von 05.00 Uhr bis 00.00 Uhr; die Burggebäude und Gärten können von 09.00 Uhr bis 17.00 Uhr besichtigt werden.
FAZIT
Um diese Tour auf sich zu nehmen, sollte man an gutes Schuhwerk und einen Rucksack mit Proviant denken. Auf dem Burggelände selbst sind Sitzmöglichkeiten kaum vorhanden und auch keine Kneipen oder sonstige Lokalitäten. Toiletten gibt es genug, aber sie sind versteckt angebracht; achte auf die Schilder.
Man soll auf alles achten was man tut; es ist und bleibt ein Regierungsgebäude und auch wenn man keine Wachen oder Soldaten sieht - sie SIND dort und sehr resolut. Wer meint er müßte Unfug machen, fliegt schneller vom Burggelände, als ihm/ihr lieb ist. Benutzt die Mülleimer und geht nirgends rein, wo es verboten ist (steht deutlich angegeben). Zigarettenkippen wegwerfen bringt euch eine deftige Strafe. Big Brother is watching you, ist hier kein loser Schrei.
Dort wo eine Kordel vor ein, sonst zugängliches, Gebäude gespannt ist, solltet ihr nicht versuchen doch rein zu kommen. Hier wird entweder geprobt für ein Konzert, gerade eine Ausstellung errichtet oder der Präsident führt Gäste durch den Komplex.
An manchen Stellen wird Eintritt verlangt, aber nicht an allen. Auch hier können die Preise schon mal wechseln. Fotografieren ist normalerweise überall verboten, es sei denn es steht angegeben, daß man eine Lizenz kaufen kann. Normalerweise kann man darauf verzichten, weil die Postkarten vor Ort wesentlich schöner sind, als daß wir sie mit unseren Billigkameras machen können.
Kleiner Tipp am Rande: es werden Geräte vermietet auf denen ihr eine gesprochene deutsche Führung über die Burg hören könnt; diese sind nur zu empfehlen und sehr billig. Man kann sich natürlich auch einer Gruppe anschließen oder sich einen Plan kaufen und die Burg selber entdecken.
COPYRIGHT Ilonka Liska
Prager Burg10
Einzelbewertung
-
Erreichbarkeit
-
Muss man gesehen haben
-
Budget-Freundlichkeit
-
Architektur
-
Zustand
-
Historische Bedeutung