Entdeckerin(28)
Düren, Deutschland99%
Vorwort: Zu meinen Motiven und Zeit meines Pilgerweges
Hauptsächlich bin ich aus individuellen Gründen gepilgert. Zum einen wollte ich einfach einmal die Erfahrung machen, die Herausforderung annehmen, und war neugierig, was mir so alles auf diesem Weg begegnen würde. Zum anderen reizte es mich, die wechselhafte, erholsame und teils atemberaubende Landschaft kennen zu lernen und zu genießen. Außerdem reizte mich dieser Weg auch ob seiner kulturellen Geschichte, die einem auf dem Weg immer wieder begegnet.
Religiöse Motive hatte ich also nicht - für spirituelle Erlebnisse generell (unabhängig von Religionen) und geistige Offenbarungen durch tiefgründiges Nachdenken, ohne es jedoch künstlich heraufzubeschwören, sowie für weitere Inspirationen war ich hingegen sehr offen. Und ins Nachdenken kommt man auf dem Jakobsweg ohnehin irgendwann - man hat ja auf einsamen Strecken Zeit genug dafür. Zugleich ist es aber kein zwanghaftes Nachdenken - die Gedanken kommen einfach, wie vom Wind hier hingetragen. Manche sind eher flüchtig, fliegen schnell wieder davon, um weiterführenden Gedanken in der Gedankenkette Platz zu machen. Andere bleiben haften und begleiten einen weiter - auch über den Weg hinaus.
Gegangen bin ich dem Weg vom 29.05.2007 bis zum 08.07.2007 (Santiago) und 2 ganze Tage später machte ich mich auf den weiteren Weg Richtung Finisterre an der Atlantikküste (macht ca. 80 zusätzliche km), wo ich am 14.07.2007 ankam. Danach ging es nach kurzem Aufenthalt noch weiter nach Muxia (zurück zu der Straßenkreuzung, wo die Wege nach Finisterre und nach Muxia sich trennen - kürzer wäre es über die Strecke direkt an der Küste entlang gewesen, aber die fand ich nicht, zudem hatte ich ja Zeit). Endgültige Ankunft dort: 19.07.2007.
So viel zu den Daten.
Ich hoffe, mein Bericht gefällt Euch, verblüfft Euch, oder macht Euch vielleicht sogar ein wenig neugierig.
Hauptteil: Mein Jakobsweg
I. Bevor es losging
Dass ich mich vorher über verschiedene Dinge informiert habe, und es auch sonst einiger Vorbereitungen bedurfte, versteht sich wohl von selbst. Informiert habe ich mich unter anderem über die wichtigsten Hintergründe, den Streckenverlauf, worauf ich achten muss und welche Schwierigkeiten sich möglicherweise ergeben konnten. Um mir ein besseres Bild machen zu können, waren mir auch einige Homepages, auf denen Pilger von ihren eigenen Erfahrungen auf dem Jakobsweg berichteten, sehr hilfreich. Mit der Informationssammlung hatte ich übrigens schon ein paar Monate vor dem Start begonnen - wobei ich sagen muss, dass der Entschluss relativ kurzfristig fiel, verglichen damit, dass manch anderer so etwas womöglich Jahre im Voraus plant oder vorhat.
Viel wichtiger aber waren einige ganz praktische Überlegungen und Vorbereitungen.
1.Ich brauchte einen Pilgerpass.
Ohne den hätte ich nämlich nicht in den Herbergen übernachten können, bei denen man obendrein (neben einigen Kirchen, Kapellen und anderen wesentlichen Orten des Jakobsweges) einen mal mehr, mal weniger hübschen Stempel in den Pilgerpass bekommt. Mit diesen Stempeln kann man nachweisen, dass man den Jakobsweg tatsächlich gegangen ist. Denn in Santiago de Compostela bekommt man dann im neben der Kathedrale befindlichen Pilgerbüro eine Pilgerurkunde in komplett lateinischer Sprache, genau so, wie sie die Pilger schon seit jeher, zu "Hochzeiten" der Pilgerschaft im Mittelalter, bekommen haben. Heute hat die Pilgerurkunde hingegen mehr die Bedeutung der Traditionswahrung und ist für viele einfach eine schöne Erinnerung an die Pilgerschaft. Um sie zu erhalten, muss man jedoch mindestens die letzten 100 km nachweisen; d.h. mindestens auf dieser Strecke einen Stempel pro Tag ausweisen.
Wie kam ich nun an meinen Pilgerpass?
Ich habe einfach einen Antrag für die Erteilung eines Pilgerausweises [und zwar diesen, den ich auf der HP dieser Organisation ganz einfach über das Internet fand: http://www.sjb-trier.de/d ownloads/antragpilgerausw eis.pdf] ausgefüllt und per Post an die Jakobusbruderschaft in Trier geschickt. Etwa eine Woche später erhielt ich auch schon eine Antwort inklusive dem begehrten, gefalteten Dokument, das mit dem Format eines Ausweises wirklich sehr handlich ist.
2.Ich brauchte einen großen Reiserucksack und ein angemessenes Paar Schuhe.
Beides habe ich mir besorgt. Beim Schuhwerk hatte ich mich für ein paar bequeme und robuste Trekkingschuhe einer bekannten Sportschuhmarke entschieden. Sie erwiesen sich als die richtige Wahl.
Den Rucksack würde ich rückblickend nicht noch einmal wählen. Zwar war er geräumig und bot ausreichend Stauraum. Dafür hatte er aber auch ein ziemlich hohes Eigengewicht. Das hätte ich jedoch nicht unbedingt ahnen können, als ich ihn bei Ebay ersteigerte. Gut, vielleicht hätte ich mir denken können, dass ein Reiserucksack, der über eine ausfahrbare Aluschiene zum Wie-ein-Trolley-hinter-si ch-Herziehen verfügt, eben etwas mehr wiegt. Außerdem hätte es nicht unbedingt SO ein Rucksack sein müssen... aber man nimmt halt, was man kriegt, und nun war er schon einmal da. Jetzt musste ich das ausbaden. Oder zumindest das Beste daraus machen und beim Packen besonders klug bzw. restriktiv sein.
3.Damit komme ich zu einem besonders kritischen Punkt: Dem Packen.
Auch ich neigte zunächst einmal dazu, viel zu viel fürs Einpacken in Erwägung zu ziehen. Als der Rucksack dann gepackt war, waren es immer noch mehr als die empfohlenen 12 kg Maximalgewicht. Mit meiner Figur hätten es eigentlich sogar NOCH weniger sein sollen - aber dann hätten wichtige Dinge gefehlt. Einige andere Pilger, denen ich auf dem Jakobsweg begegnete, empfanden - vor Allem auf stark ansteigenden, schwierigen Strecken - sogar noch 10 kg als viel, erst Recht zu Anfang, wenn man das Gewicht auf dem Rücken noch nicht so gewöhnt ist.
Schließlich stellte ich fest, dass ich einige Sachen gar nicht so dringend brauchte. Zum Beispiel all die Sachen, die man auch unterwegs kaufen kann. Beim Proviant empfehle ich, immer nur so viel mitzunehmen, wie man für die jeweilige Tagesetappe braucht, bis die nächste Möglichkeit kommt, sich zu stärken oder aber den Lebensmittelbedarf zu decken. Kosmetikartikel: Zahnbürste, 1 Tube Zahnpasta, Duschgel + Shampoo je 1 Packung, Haarbürste, Rasierer + Schaum - was man eben so benötigt, aber nichts Überflüssiges!
Arzneimittel und Co.: Auch hier sollte man nicht übertreiben. Keineswegs sollte man wie ein Hypochonder vorgehen und für alle Eventualitäten ein Mittelchen mitnehmen - das alles WIEGT! Man sollte sich überlegen: Was ist sinnvoll? Was brauche ich auf jeden Fall regelmäßig? Sonnenschutz und Insektenschutz, Blasenpflaster (evtl. Wundheilsalbe) sowie 1 Erste-Hilfe-Paket, so wie man es in der Apotheke bekommt - das war's. Wer ärztlich verschriebene Medikamente einnehmen muss, muss diese natürlich auch dabei haben. Aber mehr auch nicht.
Auch Kleidung muss man nicht massig mitnehmen. Zwei Mal Ersatzoberkleidung - ein Mal, damit man etwas zum Wechseln hat, wenn man die getragenen Sachen gewaschen hat, und ein Mal in Reserve. Das dürfte genügen. Dann etwa 5X Unterwäsche und Socken. Ein Regencape ist auch nicht verkehrt, zumal man ja bei jedem Wetter weitergehen will. Und ein Hut ist sinnvoll, um sich vor der Sonne zu schützen; man bedenke, dass man sich auf dieser Reise fast den ganzen Tag im Freien aufhalten wird, und einen Sonnenstich oder Ähnliches zu bekommen wäre nun wirklich nicht schön.
Schlafsack ja oder nein? In vielen Herbergen bekommt man einfache Decken, damit man nachts nicht friert. Aber das ist keineswegs selbstverständlich. Außerdem schläft es sich im eigenen Schlafsack sicherlich viel angenehmer. Ich persönlich würde nicht noch einmal den Fehler machen, ohne Schlafsack loszuziehen. Ein normaler handelsüblicher Schlafsack ist nun wirklich nicht schwer zu tragen, und außerdem lässt er sich gut außen auf dem Rucksack befestigen. Eine ganze Weile bin ich wohl oder übel ohne ausgekommen - doch irgendwann auf dem Weg habe ich mir einen gekauft.
Wanderstock oder nicht? Ich habe die schwierigste Etappe, nämlich die Pyrenäen, ohne geschafft (auch wenn mir mit sicherlich zumindest etwas leichter gefallen wäre, und ich vielleicht dann auch frühzeitiger in Roncesvalles eingetroffen wäre...). Und auch den Rest des Weges bin ich zum Großteil ohne gegangen. Zwischen Roncesvalles und Zubiri bekam ich von einem netten Einheimischen, der Hecken schnitt, einen stabilen Naturstock geschenkt. Als ich diesen jedoch in irgendeiner Pilgerherberge vergaß (nachdem er mich eine ganze Weile begleitet hatte), lief ich sehr lange Zeit ohne weiter. Erst vor der ebenfalls sehr steilen Etappe hinauf nach O Cebreiro kaufte ich mir einen richtigen Pilgerstock, der mir diesen einen Aufstieg am nächsten Tag erleichterte. Doch als ich auch diesen wiederum liegen ließ, ging ich den Rest bis Santiago wieder ohne "Gehhilfe". Natürlich wäre es schön gewesen, wenn ich wenigstens einen Pilgerstock nicht vergessen hätte und er somit eine aussagekräftige persönliche Erinnerung für mich an diesen Weg dargestellt hätte. Aber so sollte es ja nicht sein... seufz Also, es ist jedem selbst überlassen, kann aber nützlich sein, einen Stock mitzuführen. Einige meinen sogar, er gehöre zur Pilgerschaft dazu. Erkennungszeichen gibt es hingegen genügend andere: Da wäre zuallererst die Jakobsmuschel, dann der Rucksack, der Hut... Wenn man zumindest eines dieser Dinge mit sich führt, wird man garantiert als Pilger und Mitpilger erkannt werden. Pilger ERKENNEN sich eben!
4.Was noch?
Am besten, man schließt für den Fall der Fälle eine Reisekrankenversicherung ab - umso besser, wenn man diese gar nicht in Anspruch nehmen muss. Aber wenn doch einmal ein akuter Fall eintritt, will man doch nicht noch zusätzliche Probleme haben, oder? Ich selbst habe meine zum Glück auch nicht gebraucht. Trotzdem bin ich froh, dass ich eine abgeschlossen hatte - die gibt es meist sehr günstig, Ihr könnt Euch im Internet darüber informieren und vergleichen.
Ferner habe ich auch wichtige Papiere wie den Impfpass für den Fall der Fälle mitgenommen. Und ohne Personalausweis gehe ich natürlich sowieso nicht ins Ausland. Das Portemonnaie durfte natürlich auch hier nicht fehlen, aber das bedarf keiner expliziten Erwähnung.
Sprachkenntnisse: Es kann nicht schaden, ein paar Grundkenntnisse der spanischen Sprache zu haben, damit man sich wenigstens in den grundlegendsten Situationen (z.B. Bestellung, nach dem Preis und nach dem Weg fragen, usw.) verständlich machen kann. Sonst ist man stets darauf angewiesen, dass irgendein deutschsprachiger Pilger in der Nähe ist, der das Spanische beherrscht und vermitteln kann.
Ach ja - die Zeit: Klar ist, dass man genügend hierfür einplanen sollte, besser zu viel als zu wenig. Ich selbst habe 43 Tage gebraucht, bei durchschnittlichem Gehtempo (meine Durchschnittskilometer, bei denen ich mich noch wohl fühlte, lagen bei 20-25 km am Tag - zwei Mal habe ich 30 km zurückgelegt, wonach ich jedoch ziemlich kaputt war; zudem hatte ich auch ein paar "Bummelstrecken" ; von 10-15 km, etwa weil ich mir einen Ort genauer anschauen wollte). Doch dass ich so "schnell" sein würde, hätte ich nicht vorhersehen können; und dass ich keine "unfreiwilligen" ; Pausen einlegen musste, war reine Glückssache. Eingeplant hatte ich also 2 Monate, so dass mir am Ende noch 10 Tage übrig blieben, um das Angekommensein zu genießen usw. Mein Flugticket hatte ich, diesen großzügigen Zeitraum berücksichtigend, bereits von zu Hause aus bestellt, ausgedruckt und mitgenommen.
Weitere Erwägungen:
a) Allein oder mit Begleitung gehen?
Letztlich muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, was ihm / ihr besser zusagt.
Für mich kann ich sagen, dass ich sehr gut damit gefahren bin, alleine zu pilgern. So konnte ich in meinem eigenen Rhythmus gehen, musste mich nicht notgedrungen auf andere und ihre Bedürfnisse einstellen (ich konnte selbst entscheiden, wann ich Pausen machte, usw.) und dabei Kompromisse eingehen. Auch musste ich so nicht wer weiß wie lange mit anderen über wichtige Entscheidungen diskutieren, wie das etwa in einer Gruppe der Fall gewesen wäre. In Kontakt gekommen bin ich dennoch mit sehr vielen Menschen - vielleicht hat die Tatsache, dass ich allein gepilgert bin, sogar noch zur Fülle an Begegnungen mit verschiedenen Menschen beigetragen.
Wer es jedoch bevorzugt, mit einem oder mehreren Personen, zum Beispiel Freunden oder Partner, zu pilgern, dem gebe ich einen Rat auf den Weg (der wiederum sehr subjektiv und natürlich optional ist): Versucht, es so einzurichten, dass Ihr immer mal wieder zwischendurch auch Raum für Euch habt, etwa zum Nachdenken, oder weil Ihr einfach ein bisschen "Luft" um Euch braucht. Ich bin jedenfalls nicht sicher, ob es so gut ist, wenn man 24 Stunden, also auf dem Weg und dann noch beim Essen, in der Pilgerherberge, usw. aufeinander klebt. In dem Fall würde eventuell irendwann der Punkt kommen, wo man sich nur noch auf die Nerven geht - weil es eben auch ziemlich nervenaufreibend sein kann, ewig über Entscheidungen (Machen wir jetzt eine Pause oder später? Wenn die eine Herberge voll ist: Übernachten wir in der anderen, oder suchen wir uns eine andere Unterkunft? usw.) zu diskutieren, und andererseits auch mal einer frustriert oder zerknirscht sein könnte, wenn seine Bedürfnisse (nach einer Pause etc.) zu lange unberücksichtigt geblieben sind.
Bei schwierigen Strecken hingegen ist es schon gut, wenn man sich gegenseitig helfen und motivieren kann.
b) Womit müsst Ihr kostenmäßig im Durchschnitt rechnen?
Von ein paar Ausnahmen abgesehen, die man mit einplanen sollte (z.B. wenn man einmal auf eine andere Unterkunft zurückgreift / zurückgreifen muss, Sonderausgaben etc.), kommt man inklusive Pilgerherberge, Essen und Trinken sowie weitere Grundbedürfnisse (Pflegeprodukte, wenn diese aufgebraucht sind) in der Regel gut mit 20-25 € pro Tag aus. Das könnt Ihr Euch dann selbst auf durchschnittlich 43 Tage (wenn man von meinem Beispiel ausgeht) hochrechnen.
Somit ist das Pilgern auf dem Jakobsweg eine vergleichsweise sehr, sehr günstige Reisemöglichkeit - wenn nicht gar die günstigste.
Ich weiß zwar jetzt nicht, was eine vierzehntägige All-Inclusive-Reise, wie man sie bei verschiedenen Anbietern buchen kann, im Durchschnitt so kostet. Aber verglichen damit dürften ca. 6 Wochen Jakobsweg ein "Schnäppchen" sein, das für die meisten wohl erschwinglich ist. Außerdem hat man meiner Ansicht nach deutlich mehr davon. Ich denke, auch mit kleinem oder zeitweilig gar keinem (sofern man Ersparnisse hat) Einkommen kann man sich den Jakobsweg "leisten". Ich selbst bin auch mit relativ wenig ausgekommen - siehe Durchschnittsausgaben pro Tag.
Dazu, dass man seine Tagesausgaben hierbei so gering halten kann, tragen - neben der Übernachtung in Pilgerherbergen, sowie den günstigen Pilgermenüs, die eine komplette Mahlzeit inklusive Liter Wasser oder Wein bieten - auch die in Spanien allgemein etwas niedrigeren Preise für Güter des täglichen Verbrauchs bei.
II. Persönliche Erfahrungen und Eindrücke
1) Der Anfang
Angereist war ich von Paris aus, in dem ich davor geweilt hatte, per TGV und ab Bayonne mit dem Bummelzug. Das Zugticket in Höhe von knapp über 50,- € hatte ich natürlich vorher gebucht. Ich fuhr nachmittags um ca. 15.00 Uhr vom sehr modernen Bahnhof Montparnasse ab um kam um kurz nach 22.00 Uhr in St- Jean-Pied-de-Port an. Während der TGV praktisch auf die Minute genau pünktlich war, ließ sich der Bummelzug für die Reststrecke ein wenig Zeit - aber nicht dramatisch.
In St. Jean angekommen, hieß es zunächst einmal, die Pilgerherberge zu finden. Als ich nun vor der Tür stand und anklopfte, wurde mir auch von einer freundlichen Frau geöffnet. Kurz erklärte ich meine Lage, hatte sogar schon den Pilgerausweis gezückt. Aber da war ich schon freundlich eingelassen und gebeten worden, meine Schuhe auszuziehen und vorne abzustellen. Es war also schnell klar, dass ich hier richtig war, und das ferner durchaus noch ein Bett frei war. Wenngleich ich natürlich leise sein musste, um die bereits schlafenden Pilger nicht zu wecken. Nach einer kurzen Wartezeit, in der ein paar Katzen galant um mich herumschwirrten, wurden auch gleich die Formalitäten erledigt: Ich erhielt meinen ersten Stempel in meinem Pilgerpass, auf dem ein Hahn abgebildet war. Außerdem bezahlte ich glaube ich 5,- . In der Regel kostet die Übernachtung in einer Pilgerherberge zwischen 3,- und 5,- €, in seltenen Fällen, z.B. in größeren Städten, an denen man vorbeikommt, auch mal 7,- €. Einige sind aber auch umsonst, dort kann man allerdings eine kleine Spende hinterlassen, die jedoch freiwillig ist.
Besonders beeindruckt hat mich die Freundlichkeit der Frau. Sofort nach dem Eintreten habe ich mich aufgehoben gefühlt. Die anfängliche eventuelle, durch die für mich völlig neue Situation bedingte Unsicherheit wurde mir sehr schnell genommen. Sie meinte, ich solle mich gut ausruhen, da es für mich morgen eine lange und anstrengende Strecke werden würde (das glaubte ich gern!). Und am nächsten Tag, bevor ich losging, empfahl sie mir, zuvor noch das schräg gegenüber liegende Pilgerbüro aufzusuchen, wo man mir einige nützliche Instruktionen, eine Liste mit den Pilgerherbergen mit Kilometerangaben sowie ein Blatt mit dem Streckenverlauf geben würde.
Am Morgen wachte ich früh durch einen Hahnenschrei auf. Zuvor hatte ich schon im Halbschlaf die anderen Pilger wuseln hören. Besonders bequem hatte ich übrigens nicht geschlummert: Auf einer einfachen Matratze, mit einem einfachen Kopfkissen, aber ohne Decke, so dass ich zwischendurch mit einem Frösteln aufgewacht war. Hätte ich mal doch einen Schlafsack mitgenommen! So musste ich mich notdürftig mit meinem Regencape zudecken, welches natürlich nicht viel nützte.
Meine erste Aktion an diesem Morgen: Erst mal ab unter die Dusche! Nun, wach wurde ich dadurch tatsächlich - denn sie war EISKALT! Unter den Umständen habe ich mich natürlich besonders beeilt. Dann packte ich meine Sachen zusammen und nahm alles mit nach unten. Bevor es losging, wollte ich mich aber natürlich noch stärken. Für einen Euro für das Frühstück konnte ich mich dann beliebig vom bereitstehenden Kaffee, Tee, O-Saft, Brot und Marmelade bedienen.
Es war außer mir nur noch ein Pilger verblieben . Aber dieser schien wirklich ein Pilger zu sein, wie er im Buche steht! Er sah aus, als wäre er schon ziemlich lange nicht mehr beim Friseur gewesen (langhaarig und mit Bart), trug typische Pilgerkleidung, wirkte etwas entrückt und schien doch alles mitzubekommen, denn zwei Mal wechselte er ein Wort mit der "Herbergsmutter" ;. Und er trank genüsslich in Zeitlupe seinen Tee, drehte ab und zu meditativ seinen Teebeutel in der Tasse und rührte das Getränk in andächtiger Geschwindigkeit um. Ich dachte, ich wäre plötzlich in einer anderen Zeit gelandet!
Die anderen Pilger, die ich im Verlauf des Weges unterwegs traf, waren hingegen keineswegs so, sondern einfach Menschen wie Du und Ich. Jeder auf seine Art. Rückblickend hätte ich es jedoch durchaus interessant gefunden, wenn es noch mehr von der Sorte gegeben hätte wie diesen Mann, die sich wirklich zu hundert Prozent dem Grundgedanken des Pilgerns widmen - nicht unbedingt abhängig vom Glauben, aber vom Lebensgefühl her. Mir persönlich wäre das sehr angenehm gewesen. Obwohl ich Zweifel habe, ob es mir auf diese Weise danach leichtfallen wäre, mich im normalen "hektischeren" Lebensrhythmus wieder zurechtzufinden. Ich empfand es ohnehin schon als irritierend, wenn ich etwa nach einer langen, mehr oder weniger einsamen Wegstrecke inmitten der Natur plötzlich in einer Stadt landete. Oder an einer viel befahrenen Autobahn entlang gehen musste; diese Strecken fand ich besonders grässlich, zumal sie sich gefühlt noch extra in die Länge zogen.
Nun war ich aber immer noch in St- Jean-Pied-de-Port. Ich kam übrigens deutlich später auf den Weg als geplant. Warum? Weil die im Pilgerbüro klugerweise (vielen Dank!), nachdem mein Rucksack noch einmal gewogen worden war, anmerkten, dass dieser viel zu schwer war. 15 kg - so zeigte es zumindest die dortige Waage an. Also noch einmal alles ausgekramt, und überlegt, was ich noch aussortieren könnte. Erstaunlicherweise kam bei dieser Sortieraktion doch noch ein schönes Bündel Dinge heraus, die ich für nicht unbedingt notwendig befand. Zugegeben, das Ladegerät und die Ersatzakkus für meine Kamera (zwei Dinge, die doch einiges am Gewicht ausmachen) brauchte ich nicht unbedingt. Ich konnte mir ja unterwegs, wenn die einen Akkus leer waren, Batterien kaufen. Insgesamt sortierte ich also etwa 3 kg Zeug aus, brachte das Bündel zur Post und schickte es dort, nachdem ich in der langen Schlange endlich drankam, in einem Paket nach Hause. Man kann sich vorstellen, dass das alles Zeit in Anspruch nahm, so dass ich nicht gerade früh auf den Weg kam.
Aber jetzt war es soweit...
Mit dem ersten Anstieg, als ich aus dem Dorf herauskam, tat ich mich besonders schwer. Der Rucksack schien erheblichen Widerstand zu leisten, er ließ mich kaum vorankommen. Vor mir hatte ich gefühlte ca. 45° Steigung, und immer wieder musste ich stehen bleiben und mich neu in Bewegung setzen. Einige Pilger zogen an mir vorbei, außerdem Bauern und stellenweise Traktoren. Mich hätte es nicht gewundert, wenn der eine oder andere mich schief oder breit grinsend angeblickt hätte. Vielleicht hat auch tatsächlich der eine oder andere gedacht: "Die schafft es nie!" Immerhin war meine eigene Familie auch schon skeptisch gewesen. Gerade bei dieser ersten Etappe habe ich mich selbst oft gefragt: "Du musst verrückt sein. Was machst du überhaupt hier?"
Danach allerdings nie mehr, zumal, da ich schon bald meinen Rhythmus fand, aber auch eine gelassene Einstellung: "Was Du heute nicht schaffst, erreichst du morgen. Lieber sich Zeit nehmen und genügend Pausen machen, als gar nicht anzukommen." Und zwei Wochen später hatte ich auch keine Blasen mehr, obwohl es doch nach den ersten Tagen noch so viele gewesen waren, teils richtig große. Was auch daran gelegen haben mag, dass ich danach nur noch zweimal nasse Füße bekam - als ich vom Regen überrascht wurde. Nur der Rucksack drückte immer noch... Deshalb genoss ich die Pausen, in denen ich ihn absetzen konnte, ganz besonders, machte auch ein paar Schuler- und Rückenübungen, um die Muskulatur zu lockern.
Aber dieser erste Tag war wirklich das Härteste! Damit ist höchstens noch der spätere Aufstieg nach O Cebreiro, bei dem man kurz vor dem Ort die "Grenze" zur Provinz Galizien passiert, vergleichbar. Auch diese war extrem anstrengend. Alles andere ist neben diesen beiden Strecken - wenn ich das so sagen darf - "ein Klacks" im Vergleich dazu.
Hinzu kam, dass das Wetter oben in den Pyrenäen ziemlich ungemütlich war: Zeitweilig dichte Nebelschwaden, Nieselregen und ein Wind, der einen fast von der Straße, an der der Jakobsweg teils entlang führte, den Abhang hinunterfegte. Okay, ganz so schlimm war es nicht. Aber lasst Euch gesagt sein: Motivierend war das nicht gerade. Zugleich wollte ich nur so schnell wie möglich ankommen, hatte aber das Gefühl, kaum voranzukommen, zumal sich hinter jedem Nebelvorhang nur ein weiteres Stück Weg, bestenfalls noch der Schatten eines weiteren Pilgers, offenbarte.
Und noch bevor ich in diese irgendwie unheimliche Nebelwelt eintrat, nach dem ersten Aufstieg, hatten über mir die Geier gekreist. Zum Glück gab es kurz darauf eine sehr geräumige, gemütliche und urige Spelunke (die einzige), wo ich mit eben diesen beiden eine Suppe als kleine Stärkung zu mir nahm und eine Cola trank. Auch wenn dies nicht lange vorhielt und, nachdem mir unterwegs meine Vorräte ausgegangen waren, ich nur noch ein Päckchen Dextro Energeen bei mir hatte, mit dem ich bis nach dem Abstieg und zur Ankunft in Roncesvalles auskommen musste. Aber ich habe es - wenn auch ziemlich erschöpft und mit völlig schlammverdreckten Schuhen - überlebt.
Ein paar schöne Highlights hatte es übrigens auch gegeben. Nirgendwo sonst hatte ich es zuvor beispielsweise erlebt, dass wenige Meter vor mir einige Schafe von einer freilaufenden Herde die Straße überquerten und sich dabei ganz offensichtlich überhaupt nicht stören ließen! Zäune? Die gab es hier oben nicht. Die wurden zusammen mit allen anderen Gegenständen des Alltags unten gelassen. Ab und zu ein Auto, ansonsten nur eine karge, felsige Berglandschaft mit einfacher Vegetation - z.B. Gras und Ginster. Beim Abstieg dann wieder Wald und immer mehr Grün.
Ich kam erst nach Einbruch der Dunkelheit in Roncesvalles an. Die Pilgerherberge war natürlich schon voll. Zuerst hielt ich das erste Gebäude, an dem ich vorbei kam, für die Pilgerherberge. Es erwies sich jedoch als ein Hotel, in dem auch einige Pilger in weiser Voraussicht ein Bett reserviert hatten - in den Pilgerherbergen geht das ja nicht. Nun erwies sich, dass es auch hier keinen Platz mehr gab. Mit einer Isomatte hätte ich mich - haben sie angeboten - in einen Raum auf den Boden legen können. So aber musste eine andere Möglichkeit her.
Eine junge Frau vom Personal, die gleich Feierabend hatte, bot sich an, mich zu einem Hotel in den eigentlichen Ort Roncesvalles zu fahren, was bei ihr auf dem Weg lag. Zuvor wurde in eben diesem Hotel auch angerufen, so dass sich herausstellte, dass sie durchaus noch ein Zimmer für mich hätten - für 30,- €. Die war ich dann auch bereit auszugeben, denn ich war froh, überhaupt ein Bett und sogar eine eigene Dusche zu haben. Diesen Luxus eines eigenen Zimmers, ohne Schnarcher etc., genoss ich in jener Nacht natürlich ganz besonders, wenngleich mir noch am nächsten Morgen die Glieder immer noch etwas weh taten. Jedoch schon weniger als vorher, so dass ich wieder fit zum Weitermarschieren war. Nachdem meine am Vorabend noch gewaschenen Sachen einigermaßen trocken waren, händigte ich an der Rezeption den Zimmerschlüssel aus und ging los, wobei ich, bevor ich den Ort verließ, noch den Geldautomaten aufsuchte, der sich am anderen Ende der Hauptstraße befand.
An dieser Stelle möchte ich angehenden Pilgern einen Tipp geben: Auch wenn es sich profan anhört, sollte man unterwegs immer daran denken, genug Geld dabei zu haben, so wie man es braucht. Nicht zu viel natürlich, aber doch ausreichend. Hierbei kann es nicht schaden, ggf. auch ein paar Tage im Voraus zu planen, zumal man an abgelegenen Orten nicht immer weiß, wo man den nächsten Geldautomaten antrifft. So ist es mir einmal hinter Villafranca (dem Dorf, nicht Villafranca de Bierzo) passiert, dass ich gerade noch genug Geld hatte, um die Pilgerherberge zu bezahlen, und bis zur nächsten Abhebmöglichkeit von meinen Vorräten leben musste. In Villafranca, wo sich der letzte Geldautomat auf der Strecke befunden hatte, hatte ich einfach nicht daran gedacht. In besagter Herberge, wo ich keinen Cent mehr in der Tasche hatte, schenkten mit zwar ein paar Pilger Kekse, die ich dankbar annahm. Unangenehm war es trotzdem, nicht zu wissen, wo ich das nächste Mal an Geld kam, um meinen knapper werdenden Proviant aufzufüllen. Ob eine Orange wirklich zum Frühstück reicht, wenn man einen langen, möglicherweise beschwerlichen Tag vor sich hat? Offensichtlich reichte sie, inklusive den paar Müsliriegeln, die ich noch hatte.
2) Wie es weiterging
Von Roncesvalles bis Zubiri war es ein deutlich angenehmerer Weg als den, den ich bisher kannte. Zuerst durchstreifte ich eine grüne Ebene, der Weg links und rechts flankiert von Wiesen und Kühen, ich kam an einigen Bachläufen vorbei und gelangte schließlich in einen Wald, der mir viel kühlen Schatten bot. Allgemein war das Wetter mild und sonnig - jedoch noch recht angenehm. Was tatsächliche Hitze ist, sollte ich erst viel später kennen lernen - z.B. in Najera. Aber immer der Reihe nach.
Ins Schwitzen kam ich natürlich trotzdem. Bei der körperlichen Anstrengung und 12 kg auf dem Rücken ist wohl auch nichts anderes zu erwarten. Die schwierigste Stelle bei dieser Etappe war übrigens ein sehr steiniger Abstieg zum Ende hin: Da musste ich immer schön schauen, wohin ich trat, um nicht etwa zu stolpern oder mit dem Fuß umzuklinken. Glücklicherweise passierte mir das nicht. Dafür staunte ich nicht schlecht, als eben diese staubige Geröllstrecke ein Fahrradpilger wie nix herunterbretterte. An vielen Stellen gibt es für Fahrradpilger übrigens extra Strecken, meist an der Straße entlang, da eben nicht alle Strecken sich so leicht für Fahrräder - und seien es auch entsprechende Trekkingräder - eignen. Doch hier war dies wahrscheinlich nicht der Fall, zumal dies ja immer noch eine ziemlich hüglige Gegend war. Übrigens habe ich im Verlauf des Jakobsweges auch Fahrradpilger erlebt, die sich auf einem schmalen, von langem Gras gesäumten Pfad - mit Klingel auf sich aufmerksam machend - an Zu-Fuß-Pilgern wie mich vorbeidrängten, selbstredend ohne ins Wanken zu geraten. Davon abgesehen fand ich das in dem Moment schon etwas nervig.
Außerdem frage ich mich, was denn die Fahrradpilger davon haben, dass sie viel schneller da sind, größere Strecken zurücklegen, usw.? Meiner Ansicht nach entgeht ihnen Wesentliches. Genausogut könnten sie sich andere Strecken für ihre sportlichen Unternehmungen suchen. Denn was hat das noch mit dem Jakobsweg zu tun? Und viel von der Landschaft sehen sie auch nicht einmal, wenn sie sich ständig auf den vor ihnen liegenden Weg und die eigenen Lenkbewegungen konzentrieren müssen. Geschweige denn, dass sie richtige Kontakte mit anderen Pilgern knüpfen können: Am nächsten Tag sind sie sowieso schon viel weiter, sehen somit immer nur andere, fremde Gesichter, jedoch keines wieder. Das wäre nicht meine Art zu "pilgern". Aber dies sei jedem selbst überlassen.
In Zubiri fand ich einen Platz in der öffentlichen Pilgerherberge, die aus einem großen Schlafsaal bestand sowie einem Gebäude mit den Sanitäreinrichtungen inklusive Duschen. OK. Wenn man pilgert, nimmt man halt einiges in Kauf, zumal die privat geführte Pilgerherberge natürlich bei meiner Ankunft bereits voll war. Dafür erwies sie sich als kostenlos. Schon auf der Straße war ich der deutschen Pilgerin von neulich begegnet, die sich auch hier einquartiert hatte. Sie war mit einer älteren französischen Pilgerin, die sie unterwegs kennen gelernt hatte, zum Essen verabredet und schlug spontan vor, mich anzuschließen. Ich sagte zu, wollte mich aber vorher noch unbedingt (!) duschen und mir frische Sachen anziehen.
Ach ja, die Duschen! Es waren in dem Fall Massenduschen; jedoch hatte ich mir bewusst einen Zeitpunkt ausgesucht, in dem ich allein im Raum war. Außerdem habe ich mich extra beeilt, weil ich Panik hatte, das jeden Moment jemand hineinplatzen konnte. Davor gab es einen Vorraum mit Waschbecken, die groß genug waren, um auch kleine Wäsche darin zu waschen, wenn dies ausgerechnet heute notwendig gewesen wäre. Auf der anderen Seite befanden sich die Toiletten, auf die man durchaus draufgehen konnte. Ich gehe mal davon aus, dass diese Struktur und Einrichtung bei den Männern genauso war, obwohl ich das natürlich als Frau nicht wissen kann.
So, nun also das Essen im Restaurant. Ich weiß jetzt nicht mehr genau, was wir gegessen haben, und ob es dort wie üblich auch die bekannten und preiswerten Pilgermenüs mit drei Gängen und etwas zu trinken gab (da kann man sich aus einer täglich variierenden Auswahl eine Vorspeise, ein Hauptgericht und einen Dessert auswählen - und das Ganze kostet dann zwischen 7,00 und 9,00 €). An eines erinnere ich mich jedoch genau: Daran, dass die verschiedenen Bestellungen für den Kellner offensichtlich sehr verwirrend waren. Das fing bei der deutschen Pilgerin an, die wissen wollte, ob es ein ausschließlich vegetarisches Hauptgericht gäbe, da sie Vegetarierin war. Und zum Schluss verwechselte er die Nachtische.
Noch Tage später konnten wir über diese erlebte Anekdote schmunzeln.
Am nächsten Tag hatte ich phasenweise eine Pollenattacke; ich musste dauernd schniefend anhalten und die Nase putzen, und meine Augen tränten - das alles nervte. Zum Glück hielt diese nicht lange an, und die Pause auf der Wiese am Wegesrand, die ich später machte, habe ich auch in vollen Zügen genossen.
Dann kam ich nach Pamplona. Bevor ich durch ein hohes Tor in die Altstadt trat, kam ich an der dort befindlichen Festung vorbei. Die Pilgerherberge befand sich inmitten dieser in einem ehemaligen Kloster. Wir (d.h. meine Begleiterin und ich) mussten ein Mal nachfragen, bevor wir sie fanden. Nach dem Duschen, und nachdem ich kurz das Internet in Anspruch genommen hatte, zog ich auf eigene Faust mit Kamera und Geld los, um ein wenig die Stadt zu erkunden und schließlich etwas zu essen.
Bei der nächsten Etappe Richtung Puenta la Reina war ich erstmal froh, als ich endlich durch die Stadt Pamplona durch war, die Autobahnbrücke überquert hatte und endlich wieder friedlichere, idyllische landschaftliche Reize erfuhr. Auch wenn es sehr bewölkt war und ich zwischendurch einige Tropfen abbekam, aber kein wirklicher Regen.
Etwas schmunzeln wurde ich an einem Kreuz, auf den schon viele Pilger überschüssigen Ballast abgeladen hatten. Dort war tatsächlich ein Paar Wanderschuhe an den Schnürsenkeln an den "Armen" des Kreuzes aufgehangen! Ja, und womit ist der denn bitteschön weitergegangen?
Außerdem kam ich an jenem Tag noch an diesen viel fotografierten Pilgerskulpturen vorbei, und an dem Windpark, der ebenfalls oft auf Postkarten vorkommt. Natur und Menschengemachtes, Technik nebeneinander.
Es ist natürlich klar, dass der Jakobsweg in vielen Dingen nicht mehr dasselbe Bild bietet wie etwa im Mittelalter. In einigen Punkten finde ich das auch gut so. Denn wer möchte schon in jene Zeit zurückkehren, wo man noch Angst vor Vagabunden, tollwütigen Hunden, Dieben und anderen Kriminellen haben musste? Also, ich nicht. Übrigens: Es gab einmal Zeiten, wo ehemalige Häftlinge den Jakobsweg zur Strafe gehen mussten, um Buße zu tun.
Statt in Puenta la Reina hörte ich an jenem Tag schon in Obanos auf - auf die 3 km kam es mir nun auch nicht mehr an. Es erwies sich als die richtige Wahl, denn wie ich später hörte, war in Puenta la Reina die Herberge gerammelt voll gewesen. Logisch, wenn zu all den Camino francès Pilgern noch die vom aragonischen Weg hinzukommen - in Puenta la Reina, müsst Ihr wissen, treffen nämlich beide Wege zusammen.
Die Strecke nach Estella war eine der längeren, mit einer abwechslungsreichen Landschaft, in denen sich schwerere Steigungen mit Abstiegen und auch mal geraden Strecken abwechselten.
Weiter ging's nach Los Arcos. Unterwegs sah ich wunderschöne Mohnfelder und jede Menge Weinreben, aber auch weite Felder. Ich war immer noch in der Provinz Navarra, die übrigens ebenfalls vorzüglichen Wein bietet. Die Weinregion La Rioja würde ich übrigens später auch noch durchqueren.
Ein markantes Erlebnis war es, als ich an einer Ruine, wo die meisten einfach nur unten den Weg entlang vorbeigehen, pausierte. Alte Gemäuer, Ruinen und Steine findet man auf dem Jakobsweg übrigens oft - ebenso wie natürlich Kirchen, vor Allem die berühmten mit den charakteristischen Glockentürmen in unterschiedlichem Erhaltungszustand. Vor der Ruine (ein kleines ehemaliges Haus mit mehreren Zimmern bzw. Ställen - aus den Grundmauern konnte man den jeweiligen Verwendungszweck, den sie gehabt haben, nur noch herbeiphantasieren) kam ich jedenfalls ins Philosophieren darüber, wer wohl einmal vor Urzeiten darin gewohnt haben könnte. Ich stellte mir eine arme Großfamilie, eventuell mit einer Ziege, Hühner, einem Hund und ein paar Katzen vor. Ein Eremit hingegen hätte wohl kaum mehrere Räume gebraucht - das passte einfach nicht zu diesen verwinkelt aufgeschichteten Steinen.
Vor Los Arcos musste ich schließlich vor einer völlig unbezeichneten Weggabelung erstmal rätseln, welche Richtung mich nun zum heutigen Tagesziel führen würde. Nach reiflicher Überlegung tendierte ich schließlich zu links. Ich weiß auch nicht, wie ich darauf kam - vielleicht war es einfach Intuition. Na ja, ein wenig Logik spielte da wohl auch mit: Ich hatte mir schon gedacht, dass es abwärts gehen müsste. Und der andere Weg ging eben aufwärts. Genau von dort näherte sich jetzt eine Gestalt: Ein Mann, der sich als spanischer Pilger mit sehr guten Englischkenntnissen und einer riesigen Portion Humor herausstellte. Der mag ihm wohl auch dabei geholfen haben, einzusehen, dass er zuvor falsch abgezweigt war. Das hoffe ich jedenfalls. Er machte zumindest einen sehr munteren Eindruck, und auf dem restlichen Weg bis zur Stadt wurde viel geredet und noch mehr gelacht.
In der Stadt wurde es natürlich eine richtige Odyssee, bis die einzige Pilgerherberge mit noch freien Plätzen gefunden war. Aber welch eine Überraschung! Die dortigen Herbergsleute sprachen Deutsch! Klar, sie waren ja auch Österreicher.
Froh war ich hingegen, nach all den Verzögerungen und Pausen so spät in Los Arcos angekommen zu sein, dass ich mir die Stierhatz NICHT mehr mit ansehen musste. Verpasst glaubte ich dennoch nichts zu haben. Auf diese Tier- und Menschenquälerei konnte ich nämlich sehr gut verzichten. Die Erzählungen reichten mir schon... Bekannt sind solche grausamen Veranstaltungen, die die Einheimischen als "Tradition" betrachten, vor Allem aus Pamplona, wo es jedes Jahr aufs Neue einige Opfer fordert. Als ich dort vorbei kam, war es glücklicherweise noch nicht soweit, denn in Pamplona findet dieses meiner Ansicht nach traurige Spektakel immer sehr viel später statt. Auf jeden Fall hätte es mir sicherlich den Appetit verdorben, wenn ich früh genug am Tag in Los Arcos angekommen wäre, um das zwangsläufig mitzubekommen. So aber konnte ich noch eine späte Mahlzeit einnehmen, denn nach diesem Energie fordernden Tag hatte ich natürlich Hunger.
Bald war ich in Logroño, wo ich bereits mittags ankam. Ich beschloss, es für heute darauf beruhen zu lassen und mir ein wenig die Stadt anzusehen, zumal es die erste größere Stadt auf er bisher zurückgelegten Strecke des Jakobsweges war. Da ich an der Pilgerherberge zunächst vor verschlossener Tür stand (diese machte erst um 14.00 Uhr auf), unternahm ich meine Erkundungstour teils schon jetzt, und setzte mich anschließend auf einen Tee in ein Straßencafé, um ein paar Postkarten zu schreiben. Logroño ist eigentlich eine Einkaufsstadt, aber diese Geschäfte, Bars und Restaurants befinden sich im Stadtkern unterhalb von ansehnlichen alten Rundbögen aus Stein. Alles zentriert sich letztendlich auf einen großen Platz, wo auch die Kathedrale steht. So außergewöhnlich ist diese Stadt im Endeffekt aber nicht. Interessant war es auch, die Markthalle zu sehen. Markthallen sind in spanischen Städten, oder zumindest in nordspanischen Städten offenbar üblich. Die von Santiago ist wohl eine der ältesten - diese hier hingegen, in Logroño, ist ganz modern gehalten.
Die Etappe nach Logroño hätte ich am liebsten übersprungen. Erst ging es durch einen endlos großen Park voller morgendlicher Jogger, immer geradeaus. Dann an einer Autobahn entlang - ebenfalls lange Zeit, und ebenfalls immer geradeaus. Ab Najera war es wieder etwas schöner. Aber auch heiß. Was machte ich also nach einem kurzen Snack und einem Schluck aus der Wasserflasche? Ich trat in die kühle, aber auch von innen dunkle Kirche. Zu sehen gab es bei den Lichtverhältnissen nicht viel, aber angenehm war es trotzdem.
Hinter Najera gelangte ich in eine felsige, roterdige und an sich ziemlich karge Region. Kein Schatten weit und breit. Da kam mir der eine Baum am Weges- und Feldrand wie eine Offenbarung vor! Also rastete ich, dankbar für diesen Schatten.
Am frühen Abend blieb ich nicht in dem Ort, in den ich kam. Nein.
Heute wollte ich so lange laufen, bis die Sonne unterging - und dann die Erfahrung machen, im Freien zu übernachten. Ich lief und lief... und ehe ich mich versah, war ich in Ciruena. Die dortige Pilgerherberge war natürlich schon zu, aber ich wollte ja unbedingt unter freiem Himmel schlafen. Also ging ich weiter, kam in ein kleines Dorf, in dem mich die Hunde anbellten; einer kam sogar auf mich zu, bis er von seinem Halter zurückgerufen wurde.
Danach ging ich noch ein Stück abwärts weiter, und da es mittlerweile schon fast dunkel war, musste ich mich beeilen, einen einigermaßen geeigneten Schlafplatz zu finden. Den fand ich unter ein paar Bäumen abseits des Wegs am Feldrand, wo ich mich etwas einrichtete, eine Unterlage auslegte, usw. Als mir schon kurze Zeit später kalt wurde, zog ich mir noch etwas über, dann noch etwas - ich glaube, am Ende hatte ich meine gesamte Oberbekleidung an und mir war immer noch kalt. Das wäre ja noch nicht das Schlimmste gewesen...
Wenn nur nicht diese ohrenbetäubende Krötenkonzert gewesen wäre! Denn ganz in der Nähe befand sich ein Wasserlauf. Die Amphibien begleiteten mich mit ihrem schrecklichen Gequake die ganze Nacht lang bis in meinen sehr leichten, episodenhaften und flüchtigen Schlaf hinein, und noch am Tag hatte ich sie im Ohr. Schnarchende Pilger sind dagegen gar nichts! Nun gut, jetzt wusste ich die Pilgerherbergen noch mehr zu schätzen.
Um ca. vier Uhr morgens war ich es satt, machte mich ordentlich zurecht, packte meinen Rucksack mit dem Restlicht meiner Taschenlampe und wandelte gemächlich im Mondlicht weiter in Richtung des nächsten Ortes (Calzadillo oder so ähnlich). Im Morgengrauen langte ich dort an und sah, wie sich die ersten Pilger bereits auf den Weg machten. Ich persönlich war zuvor noch nie so früh unterwegs gewesen, hatte mich immer noch ein paar Mal umgedreht, wenn ich im Halbschlaf etwa um Fünf die ersten Pilger wuseln hörte. Aber ich hatte ja niemanden gestört, als ich mit dem Frühaufstehen ein einziges Mal wohl alle Rekorde schlug. Den verlorenen Schlaf holte ich übrigens in einem halbstündigen Nickerchen am frühen Vormittag etwas nach. Jedenfalls fühlte ich mich danach besser gewappnet für das, was ich noch an heutigem Marsch vor mir hatte, um schließlich in Belorado anzukommen.
Nach dem Dorf Villafranca kam schließlich Burgos. Dessen erster Eindruck machte mich nun erstmal sehr missmutig. Mein Weg führte mich zunächst einmal durch ein riesiges, sehr lang gezogenes Gewerbegebiet mit hohem Verkehrsaufkommen. Als ich dieses durchquert hatte, brauchte ich erst einmal einen Sitzplatz und eine Stärkung.
Die Innenstadt zeigte sich hingegen von einer sehr schönen, nostalgischen Seite voller Kultur. Ich kam über einen großen Platz, auf dem eine Statue von der legendären Figur El Cid Compleador steht. Gut, ich kam auch an einer Straßenbaustelle vorbei. Aber es ist ja positiv, das zur Stadtentwicklung und -erhaltung so viel beigetragen wird. Baustellen gibt es überall.
Am Beeindruckendsten war jedoch die Kathedrale. Sie ist gotisch, erkennbar vor Allem an der Fensterform, die etwas an Kleeblätter erinnert, aber auch an den gerüstartigen Zipfeln der Türme, so wie man sie auch vom Kölner Dom kennt. Die Kathedrale von Burgos ist allerdings viel kleiner, dafür massiger, und von dem für das Stadtbild typischen hellgrauen, fast weißlichen Stein.
In der großen Pilgerherberge, etwas außerhalb in einem Park nahe der Universität gelegen, bekam ich übrigens gerade noch den letzten Platz.
Es muss in Castrojeriz gewesen sein, dass ich mir (besser spät als nie) meinen Schlafsack kaufte. Den habe ich durchaus später noch gebraucht - gelohnt hat es sich also noch. Hinter Castrojeriz gab es nach einem Gang über eine breite Brücke wieder einen Aufstieg. Aber was für eine Aussicht eröffnete sich da! Weites Land, aus dem sich Castrojeriz als einziger Hügel hervorhob. Ansonsten nur goldgelbe Felder, von einigen Bäumen gesäumt, wohin das Auge reicht; und ganz in der Ferne, am Horizont, Gebirge.
Ich kam noch an einer zur Pilgerherberge umfunktionierten Kapelle vorbei, schlenderte dann am Grenzstein zur Provinz Palencia vorbei, und ließ mich im nächsten Ort nieder. Der nächste Tag begann trüb mit Nieselregen, zwischendurch war es trocken, mittags "zwang" mich ein stärkerer Regen dazu, doch etwas länger in der Herberge mit Essensangebot zu verweilen, als für die Zeit meiner Mahlzeit und eines ausnahmsweise mal Tees statt Kaffee (bei dem Wetter war mir halt danach). Da bleiben wollte ich aber dennoch nicht, und so setzte ich meinen Weg fort nach Fromista. Auch hier wählte ich an einer nicht markierten Weggabelung instinktiv die richtige Richtung. Dafür kam es kurz vorm Ziel umso heftiger: Plötzlich schüttete es wie aus Eimern! Pitschnass kam ich schließlich in der Pilgerherberge an - meine Schuhe waren noch am nächsten Morgen nicht ganz trocken. Als ich nach der obligatorischen Reinigungsdusche vor die Tür trat, herrschte bereits wieder strahlender Sonnenschein.
Es ist auch ein Erlebnis, mitten in einem wogenden Weizenfeld seine Beine von sich zu strecken und in den Himmel zu blicken. Herrlich! Da ging sich der Rest des Weges bis Carrion de los Condes ja mit Leichtigkeit. Carrion selbst ist als Stadt auch nicht zu verachten. Auch hier erfolgte wieder eine genüssliche Sightseeingtour. Die Pilgerherberge ist in einem Kloster mit Hof untergebracht.
Am nächsten Tag folgte zunächst eine Strecke, die sich sehr lang hinzog. Es ging immer geradeaus, und die Umgebung wechselte lediglich in kleinsten Details. Immerhin machte mich dies noch aufmerksamer für die kleinen Dinge!
Denn auch diese Einöde bot nichtsdestotrotz eine interessante Vegetation mit diesen typisch kastilischen gelben "Strahlenblumen" ; (meine Wortschöpfung die botanische Bezeichnung ist mir leider unbekannt), zu denen teilweise eine niedrig wachsende violette Blumenart einen netten Kontrast bildete. Außerdem gab es mitten in dieser Pampa, etwa auf der Hälfte des Weges, einen kleinen Imbiss. Ich nahm diese überraschende Rastmöglichkeit mit kleiner Stärkung, bei denen man ganz offensichtlich an die Pilger gedacht hatte, nur zu gerne an.
Kurz hinter Tempranillo de los Templarios erlebte ich noch eine willkommene Überraschung. Aber die möchte ich Euch nicht verraten - viel schöner ist es doch, etwas zu entdecken, von dem man zuvor nicht weiß, was einen erwartet. Oder?
Nach einer Übernachtung in der Pilgerherberge eines kleinen Dorfes näherte ich mich nun dem Ort mit dem orientalisch klingenden Namen Sahagún. Irgendwo dahinter befand sich ein großer Seerosenteich, an dem ich - die Autos von der nahe gelegenen Straße ignorierend - etwas verweilt habe.
León. Die Hälfte war geschafft! Dafür gönnte ich mir dort einen Extratag, um diese bisher beste Großstadt, durch die ich musste, näher zu erkunden. Es ist eine Stadt voller Leben und Kultur, vor interessanter historischer Kulisse und mit einem vielseitigen Kulturangebot (Museen, Straßenfeste - an meinen Extratag war so eine Art Stadtfest mit Unterhaltungsangebot, Musik und Trachtenschau auf der Bühne, uvm.) und ebenso vielfältiger Gastronomie (Bars, Cafés und Eiscafés, Restaurants). Natürlich hat León auch ein Nachtleben, wie ich bei meiner Sightseeing-Tour an den vorhandenen Einrichtungen (die ich jedoch nicht besucht habe) feststellen konnte, aber das ist in dem Zusammenhang uninteressant.
Doch zunächst musste ich nach meiner Ankunft die Pilgerherberge in der Innenstadt, die zugleich die Altstadt ist, finden (es gibt noch eine andere weiter außerhalb, wo ich wahrscheinlich deutlich mehr hätte suchen müssen). In einem Laden nahe der Kathedrale hatte eine junge Verkäuferin offenbar noch nie etwas von einer Pilgerherberge gehört. Jedenfalls reagierte sie etwas patzig auf meine freundliche Nachfrage, wo denn die hiesige Albergue zu finden sei. Aber solche Ausnahmefälle soll's geben. Im Oficina de Turismo half man mir nämlich gern weiter, und so gelangte ich auch schließlich zur heißersehnten Herberge.
Am Zusatztag suchte ich mir zunächst einmal ein Hotelzimmer, in das ich mich einquartieren und in dem ich mein Hauptgepäck lassen konnte. Schon am Vortag hatte ich mich im Oficina de Turismo eine Liste mit Unterkünften geben lassen sowie einen Stadtplan, damit ich die richtigen Straßen auch fand. Das erste (billigere) Hotel, das ich suchte, war geschlossen. Das, das ich schließlich wählte, weil ich keine Lust hatte, den halben Tag suchend umherzulatschen, empfand ich als relativ teuer. Dafür, dass es wirklich nur ein Minizimmer war (auch für ein Individuum war es viel zu eng - womöglich war ich aber auch durch die Pilgerschlafsäle andere Dimensionen gewöhnt), dafür mit Bad und spanischem Fernsehen, auf das ich auch hätte verzichten können. Ebenso auf eine lautstarke Ehepaar-Streiterei durch die Wände hindurch - keine Ahnung, ob das vom Hotel kam oder vom Wind herübergeweht wurde. Es hörte sich jedenfalls nicht allzu weit entfernt an.
Nach León folgte wieder eine längere, blöde Strecke an der Autobahn entlang.
In Hospital de Orbigo gefiel es mir dafür besonders gut. Mit der Gestaltung des Innenhofes der Pilgerherberge, in der ich war, hatte man sich offenbar ganz große Mühe gegeben. Auch in dem Garten konnte man gut verweilen und entspannen. Das dortige Warmwasser für die Duschen sowie vermutlich auch der Strom wurden übrigens von im Garten aufgestellten Sonnenkollektoren gespeist. Und ich kann bezeugen, dass das Duschwasser angenehm warm war, und dass die Elektrizität einwandfrei und ohne Störungen funktionierte. Auch in diesem Ort lernte ich wieder ein paar nette Pilger kennen, beim Essen, aber auch durch ein interessantes Spontangespräch in der Pilgerherberge, in das ich verwickelt wurde.
Astorga: Erst wollte ich dort aus unerfindlichen Gründen nicht bleiben. Doch dann war ich froh, eine hübsche Stadt erkundet zu haben. Wenn Ihr einmal dort seid, solltet Ihr Euch unbedingt einmal die Figuren am Rathaus näher betrachten. Auch gibt es ein paar nette Straßencafés (bevor man sich aber irgendwo niederlässt, sollte man ein wenig die Preise vergleichen), Geschäfte... doch berühmt ist Astorga natürlich für seine Kathedrale, die wirklich Ehrfurcht gebietet und wunderschön ist. Positiv überrascht war ich auch von der Pilgerherberge: Anstatt riesiger Schlafsäle nächtigt man hier in kleineren Räumen mit Etagenbetten und maximal drei weiteren Pilgern. Die Zimmer tragen alle die Namen verschiedener Orte, die man auf dem Jakobsweg passiert. Auch die Ausstattung ließ in keinster Weise zu wünschen übrig. Und alles war nicht nur sauber, sondern rein.
Ich mache jetzt einen Zeitsprung nach Rabanal. Hier besuchte ich zum ersten Mal eine Pilgermesse, weil ich das wenigstens ein Mal auf dem Jakobsweg gemacht haben wollte. Ich fand sie sehr besinnlich, rituell und bewegend. Danach fühlte ich mich noch mehr der Gemeinschaft der Pilger zugehörig.
Am Cruz der Ferro legte ich schließlich meinen Stein ab. Ich gebe es zu, dass ich ihn nicht den ganzen Weg von zu Hause mitgeschleppt habe, zumal ich von diesem Brauch erst unterwegs erfuhr. Doch als ich Kenntnis davon hatte, hielt ich rechtzeitig Ausschau nach einem geeigneten Stein. Gefunden habe ich ihn schließlich, als ich gar nicht bewusst danach gesucht hatte. Er lag einfach auf dem Weg und hatte offenbar MICH gefunden. Er trug die Form eines Herzens - dadurch erregte er meine Aufmerksamkeit, und ich befand ihn für diesen Zweck für passend. Denn der Brauch und die Grundidee sind die, dass man am Eisenkreuz einen Stein, den man am besten den ganzen Weg von zu Hause mit sich getragen hat, symbolisch dort ablegt. Symbolisch wofür? Der Stein ist ein Symbol für all die vergangenen Sorgen (vielleicht auch für ein vergangenes Leben, genau weiß ich es nicht mehr), die man gleichzeitig mit dem Stein sinnbildlich dort ablegt. Wenn man dann in Santiago de Compostela ankommt, ist das dann, als würde man einen Neuanfang starten.
Je mehr ich mich der galizischen Grenze näherte, desto "wilder" und interessanter wurde die Landschaft. In einem Dorf vor Ponferrada bereiteten mir einige zahme Katzen ein großes Vergnügen, und auch sie schienen meine Anwesenheit zu genießen. Sonst hätten sich einige nicht so bereitwillig von mir streicheln lassen.
Habt Ihr eigentlich schon einmal reife Kirschen direkt vom Baum gegessen? so schmecken sie am besten. Ein besonderer Genuss war es, sie praktisch direkt am Wegesrand zu pflücken und zu verspeisen.
In Monseca konnte ich während einer erholsamen Eistee-Pause mit Blick auf die römische Brücke, die ich soeben überquert hatte, so richtig schön meine körperlichen Akkus aufladen. Während ich mich von dieser Atmosphäre inspirieren ließ, konnte ich den spielenden Kindern am Fluss zuschauen und mir vorstellen, zur Abkühlung ein Bad darin zu nehmen (was einige Einheimische, sofern sie nicht sonnenbadend auf der Wiese lagen, taten). Doch allein die Vorstellung war auch schon sehr erfrischend.
Übrigens habe ich in Villafranca de Bierzo tatsächlich meine Füße in den kalten Fluss getaucht. Das hat wirklich gut getan!
Vor dem Aufstieg nach O Cebreiro kam noch einmal eine ganz hässliche Strecke. Erst wieder einmal an einer Straße entlang. Aber dann streckenweise direkt neben einer Schnellstraße, so dass man fast Angst hatte, von einem vorbeihuschenden Wagen erfasst zu werden! Danach war der Weg glücklicherweise von der Straße abgetrennt - eine schöne Strecke war es dennoch nicht.
Zum Aufstieg nach O Cebreiro an sich habe ich bereits angedeutet, dass er der Hammer war! Ich habe bestimmt doppelt so lange gebraucht wie auf gerader Strecke. In O Cebreiro selber war die Herberge natürlich hoffnungslos überfüllt - ja, ich hatte großes Glück, überhaupt noch ein Bett in dem Ort zu bekommen. Eine Gruppe junger spanischsprachiger Pilger, die ich kurz zuvor kennen gelernt hatte, kam sogar auf die Idee, vor der dortigen Kirche zu zelten! Der Ort selbst, dessen Häuser aus dunkelgrauen Bruchsteinen aus der Umgebung gebaut sind, ist jedoch wirklich urig und versetzt einen in ein anderes Zeitalter. Man fühlt sich an Irland zur Zeit der Kelten erinnert, oder auch an ein gallisches Dorf. Wunderschön! Dazu passte auch, dass vor dem gut gefüllten Restaurant / Bar, wo die Stimmung grandios war, ein Dudelsackspieler spielte, der im ganzen Dorf zu hören war.
Der nächste Tag war - zumindest wettermäßig - ziemlich trüb und neblig. Nasskalt. Eben ungemütlich. Dafür ließ ich einen der höchsten Gipfel des ganzen Jakobsweges hinter mir, begegnete freilaufenden Hühnern und frei grasenden Kühen. Einen Tag später durchstreifte ich wiederum herrliche irisch-grüne Panoramen - als hätte ich mit Siebenmeilenstiefeln plötzlich mit einem riesigen Schritt irischen Boden betreten - nur unterbrochen von alten, grauen Steinmauern, alten Gebäuden, Friedhöfen, Kuhfladen... Und natürlich den für Galizien typischen Getreidespeichern auf Stelzen bzw. Pfeilern: Den Horreos.
Und schwupps! War ich zwar nicht mit Siebenmeilenstiefeln, sondern mit normalen Wanderschuhen, in Portomarin. Dort gab es einen spiegelglatten See, eine volle Herberge, aber auch eine, in der noch genügend Plätze frei waren (das war die mit dem Großraumschlafsaal, in der natürlich ich landete).
Die gastfreundlichste Pilgerherberge auf dem ganzen Camino befand sich übrigens in einem Kuhdorf und kostete nichts! Ursprünglich wollte ich noch weitergehen, kam dann aber zu dem Schluss, dass es doch für heute zu weit wäre nach Palas de Rei. Wie sich herausstellte, traf ich eine gute Wahl, denn sonst hätte ich wirklich etwas verpasst. Nirgendwo sonst auf meinem ganzen Weg habe ich eine vergleichbare, herzliche und gemeinschaftliche Atmosphäre erlebt. Es wurde ein Essen aufgetischt, das durchaus satt machte, mit Suppe und frischem Salat und Brot als Beilage, sowie Getränke dazu serviert. Die Herberge war in einem rustikalen Haus aus Stein untergebracht, und die Duschen inklusive Vorraum mit Waschbecken waren frisch gefliest und sauber. Nur im Schlafraum, in den eine knarrende Treppe führte, war es ein wenig eng - aber das Gebäude war ja auch an sich nicht sehr groß.
Mit großen Schritten näherte ich mich Santiago. Aber besser, ich dachte nicht daran. Denn je mehr ich an das Ziel dachte, desto langsamer schien ich mich fortzubewegen. Also konzentrierte ich mich lieber auf das, was unmittelbar vor mir lag. Besonders nennenswerte Highlights geschahen jetzt nicht mehr. Natürlich lernte ich noch ein paar Pilger kennen, darunter ein Paar, das ich später in Santiago auch noch ein paar Mal wiedertraf. Aber viel Neues passierte nicht. Außer, dass ich an einer Stelle die Flugzeuge über den Weg hinweg starten und landen sah, denn direkt hinter dem Wäldchen befand sich der Flughafen.
3) Der Schluss
Ja, und wie war es denn nun, anzukommen? Relativ unspektakulär, würde ich sagen. Die große Euphorie blieb aus - und das, obwohl auf dem Platz vor der Kathedrale die Pilgerströme teils in Jubelschreie verfielen (zumindest einige Gruppen). Ein wenig stolz auf mich war ich natürlich schon, als ich schließlich meine wohlverdiente Compostela in den Händen hielt. Auch wenn sie aus ziemlich dünnem Papier war, in einer simplen Papprolle verstaut; und auch wenn sie nicht so schön wie die Urkunde von Finisterre aussieht, die ich später nach erfolgreichem Weitergehen noch erhalten sollte. In Muxia gab es übrigens auch noch einmal eine Urkunde, was ich vorher nicht wusste.
Toll fand ich, dass ich in Santiago noch einige Pilger wiedertraf, so dass ich mich von ihnen noch verabschieden konnte. Ein Franzose kam genau einen Tag nach mir an.
Natürlich war ich auch in der 12-Uhr-Pilgermesse, im Verlauf derer Liturgie auch der große Weihrauchkessel vorne geschwenkt wird. In dieser Messe werden für gewöhnlich auch die Namen der Pilger verlesen, die an dem Tag angekommen sind. Ob auch ich erwähnt wurde, weiß ich nicht, da ich erst die Veranstaltung einen Tag später besucht habe.
Über Santiago an sich mag ich an dieser Stelle nichts schreiben - der Bericht ist schon lang genug.
Zum weiteren Fußmarsch nach Finisterre möchte ich sagen, dass diese Strecke deutlich ruhiger ist. Aber man sollte sich nicht täuschen und denken, dass die wenigen Pilgerherbergen dort (es sind so wenige, dass man die jeweilige Tagesetappe schaffen muss) halb leer wären! Im Gegenteil: In Najeira mussten schon Matten auf dem Fußboden ausgelegt werden, damit alle Pilger einen Schlafplatz fanden!
Die nächste Herberge war direkt neben einen Kuhstall gelegen. Nein, geruchlich machte sich das Gott sei Dank nicht bemerkbar. Dafür begleitete einem die ganze Nacht ein regelmäßiges Muhen durch den Schlummer. Aber gegenüber den Amphibien von einst war das ja nichts... Ich war also vorbereitet.
Ziemlich unheimlich war es, durch einen Wald voller abgebrannter Bäume mit schwarz verrußten und schnörkelig verformten Zweigen zu gehen. Nur der nachgewachsene Farn war noch grün. Da wurde mir bewusst, wie dicht Leben und Tod doch nebeneinander liegen! Vermutlich im Vorjahr hatte es dort einen Waldbrand gegeben.
Als ich nach dem weiten Fußmarsch endlich das Meer erblickte, war das natürlich ein sehr bewegender Moment! Das ist etwas anderes, als wenn man bequem irgendwo hinfliegt, so dass das Meer ein ganz normaler Anblick ist, über den man sich nicht groß Gedanken macht.
In Finisterre angekommen, suchte ich erstmal sofort die Pilgerherberge auf. Die Urkunde wurde mir wiederum von einer deutschen Herbergsfrau überreicht. Später ging ich noch etwas essen. Das "Ende der Welt", zu dem man in einem Spaziergang von etwa 1 km gelangt und auf dessen Felsen ein Leuchtturm steht, wollte ich mir für morgen aufsparen. Und das weite Meer schien am Horizont wirklich ins Nichts zu verschwinden...
Damit möchte ich meinen Bericht auch beenden - denn auch Muxia mit seiner schroffen Felsenküste, dem mitunter stürmischen Meer und seiner auf den Felsen erbauten Kirche, dem Sanctuario de la Barca, ist schon fast ein Kapitel für sich.
Fazit
Das soll jeder für sich selbst entscheiden. Ich hoffe, Ihr hattet hiermit die Gelegenheit, Euch vorab ein Bild zu machen.
Ich jedenfalls habe es nicht bereut.