Bewertung von leo56 im Detail
leo56(56)
Rosenheim, Deutschland99%
Ich habe gelesen, dass am Neujahrstag 14 Uhr vor dem Schloss Maxlrain das Neujahrsanschießen durch Böllerschützen begleitet wird von einem Perchtenlauf. Die Perchtenläufe sind ein altes Brauchtum, das im Alpenraum gepflegt wurde und zunehmend wieder an Bedeutung gewinnt. Die Perchten treiben in den Rauhnächten zwischen der Thomasnacht am 21. Dezember und dem Dreikönigstag am 6. Januar ihr Unwesen. Das darf ich nicht verpassen und mein Mann hat auch große Lust, sich dieses Spektakel anzusehen. Diese rauhen Gesellen, meist mit Fell, Leder oder Wollfäden bekleidet, haben Holzmasken auf, die sie meist selbst geschnitzt haben. Einige von ihnen sehen echt furchterregend aus. Sie jagen die Winterdämonen davon, indem sie mit Trommeln und der sogenannten Teufelsgeige laute Musik machen, dazu tanzen und gemeinsam eine Art Sprechgesang bringen. So vermummt wurde früher vermeintlich das Böse gebannt, Ängste bewältigt und Alpträume verarbeitet. Heute ist es ein gepflegtes Brauchtum, das noch immer den unverheirateten jungen Burschen vorenthalten bleibt, die damit so manchem Tourist oder auch Einheimischen einen gewaltigen Schrecken einjagen können. In manchen Gegenden ziehen sie noch heute von Hof zu Hof, wünschen Glück und Gesundheit und ein gutes Jahr für den Hof.
Hier in Maxlrain ist es natürlich eine offizielle Veranstaltung. Meine älteste Tochter, die noch Silvesterbesuch hat, will auch kommen, aber als wir zwei Minuten vor 14 Uhr in Maxlrain eintreffen, ist sie noch nicht da. Einen Parkplatz bekommen wir sofort. Die Schützen sehe ich sofort. Sie stehen alle in einer Reihe, wie an der Kette aufgefädelt, quer zum Schloss. Vom Parkplatz sind es noch ein paar hundert Meter, aber als die Böllerschützen alle gemeinsam in die Luft schießen, stehe ich direkt neben ihnen. Mein Kopf dröhnt, aber wie soll ich sonst an ein tolles Foto kommen? Und schon laden sie nach. Dreimal gibt es einen gemeinsamen Böllerschuss. Ich zähle mal durch: genau zwanzig Schützen sind es, aus der ganzen Umgebung zusammengeholt. Wir gehen weiter, in Richtung zum Schloss. Und da kommen sie: die vermummten Gesellen.
Einer von ihnen trägt einen Stab mit einem Hexagramm, einem sechseckigen Stern, der aus zwei sich überlappenden gleichseitigen Dreiecken gebildet wird. Von vorn sieht er aus wie ein Teufel, von hinten ist es die Sonne. Frau Percht heißt die Figur mit den zwei Köpfen.das Hexagramm dient der Abwehr der Dämonen, erfahren wir später. Dahinter kommen ein paar an Soldaten erinnernde gestalten mit Trommeln und eine Menge ganz wilder Gestalten. Sie alle versammeln sich in einem Kreis, der sich ganz automatisch gebildet hat.
Eine der Schönperchten nimmt nun seine Maske ab, begrüßt uns alle und erklärt uns den Brauch und die einzelnen Gestalten. Zuerst erläutert er die Figur der Frau Percht, unter der allerdings ein Mann steckt. Seine Maske ist die Hauptmaske der Perchten, sagt er, eine Doppelmaske mit Sonne und Teufel, die mehr symbolisiert als nur die Wintersonnwende. Die Figur der Frau Percht verkörpert die Ur- Göttin Perchta. Die Ursprünge des Perchtenbrauchs werden teilweise auf die Kelten oder sogar bis in die Steinzeit zurückgeführt. Dass auch im Alpenraum der Urgott eine Göttin war, ist inzwischen gesichert. Donnerwetter, das hätte ich nicht gedacht. Die Gruppen (Passen) der Perchten (auch Perschten) zogen ursprünglich zu den Gehöften in der Umgebung, um diese zu besuchen. Sie sind Glücks- und Segensbringer und sollen Haus und Hof für das kommende Jahr vor Unglück bewahren und Fruchtbarkeit bringen. Sie haben einen Spruch: "So hoch wie der Percht springt, so hoch wächst das Korn im nächsten Jahr". Dafür erhalten sie von den Bauern Essen und Geschenke. Ein wirklich schöner Brauch.
Die Schönperchten
Sie sehen aus wie Soldaten und haben die musikalische Begleitung der Tänze und Gesänge übernommen. Ihre prunkvollen Gewänder sind im Stil der alten Landsknechte gehalten. Die Musiker arbeiten mit Trommeln, der Teufelsgeige und einem Glockenspiel, das ist ein auf Lafetten gezogener Glockenbaum, auf dem gestimmte Kuhglocken hängen. Schönperchten sind das Sinnbild für das Neue Jahr, das Licht, für den Tag und die Zukunft an sich. Der helmartige Aufsatz ist mit verschiedensten Ornamenten verziert. Einige kommen aus der Musik (Harfe, Notenschlüssel), andere sind Wappen und wieder andere der Tierwelt abgesehen (Muscheln und Schnecken als Fruchtbarkeitssymbole) oder auch Abwehrzeichen (Pentagramm, Hexagramm, Spiegel). Heute sind etwa sechs oder sieben von ihnen hier. Ich versuche die Zeichen zu erkennen: Einmal sehe ich drei Schwanenhälse, dann einen Adler, ein anderer trägt eine Uhr am Helm und darüber eine Krippe. Andere Helma kann ich nicht genau sehen und deuten. Eichenlaub sehe ich und mehrere mit Ornamenten.
Haberngoaß
Eine weitere Figur ist die der Haberngoaß. Ihr Name verweist auf eine Zweigeschlechtigkeit und stellt eine andere Form der Frau Percht dar, erfahren wir. Der Begriff "Haberl" heiße so viel wie Hoden des Stiers und stehe für die männliche Seite, das Wort "Goaß" für Geiß/Ziege bedeute die weibliche Seite. Die Masken sind denen der wilden Klaubauf ähnlich und wiegen über fünf Kilogramm. Die Haberngoaß hat die Aufgabe, in ihrem großen und beweglichen Maul die Gaben zu sammeln, hier also Geld. Am Ende der Veranstaltung erleben wir dann auch die zwei Haberngoaß’n, wie sie ihr Maul aufreißen und wie ein Pelikan den Kopf nach oben recken, damit das Geld hinunter fällt in einen angenähten Lederbeutel. Meine 14 jährige Enkeltochter, die dann auch schon da ist, ziert sich jedoch. Na gut, dann gebe ich es ihm.
Holzmandl
Die Holzmandl stellen Waldgeister dar und sehen überhaupt nicht furchterregend aus. Ihre Masken sind ausschließlich der Natur entlehnt. Alle Perchtenmasken werden übrigens von ihren Trägern selbst aus Lindenholz gefertigt, erfahren wir. Die Holzmandl tragen Masken von Tieren, Pilzen, Farnen, Wurzeln und Zapfen, also allem, was der Wald zu bieten hat. Eine Besonderheit stellt das "Löwenmaul" dar. Dieses sieht schon ein wenig furchterregend aus. Der Schönpercht sagt selbst, dass die Maske wohl eher an einen Totenschädel mit überlanger Nase erinnere. Es ist jedoch die vergrößerte Darstellung einer Samenkapsel der Löwenmaul -Blume. Sie ist als einzige Maske aus Nussbaum gefertigt. Die Holzmandl tanzen einen Drudenhax-Tanz. Der Drudenhax (Drudenfuß) wurde früher, zusammengesteckt aus Spänen, auf denen beim Lichtmessrosenkranz Kerzen gebrannt haben, zur Abwehr von bösen Geistern oberhalb von Stall- und Wohnungstüren angebracht. Er sieht aus wie das Hexagramm. Dem Drudenfuß wurde eine besondere Wirksamkeit zugesprochen, wenn er im tänzerischen Ritual gebildet wird. Nun tanzen die Holzmandl und die Schönperchten spielen dazu. Sie haben Stöcke in den Händen, recken sie nach oben, halten sie waagerecht und berühren die anderen damit. Dann wird auf dem Boden der Drudenfuß aus den Stöcken gebildet. Insgesamt dreimal tanzen sie diesen Tanz, verteilt über eine halbe Stunde. Dazwischen tanzen die Klaubauf und die Böllerschützen schießen auch ab und zu. Nun schießen sie nicht mehr alle gleichzeitig, sondern einer nach dem anderen, von außen nach innen und von innen nach außen.
Klaubauf
Die Klaubauf gehören zu den Schiachperchten und haben die unterschiedlichsten Figuren und Formen. Die Anregungen für die Masken, so erfahren wir, stammen von alten Volksschauspielen mit Sagengestalten usw. Einige Masken stehen in Verbindung mit den vier Jahreszeiten. Dazu gibt es etliche Vogelgesichter mit großen Schnäbeln, fischähnliche oder krötenartige Köpfe. Die Teufel, Drachen, Feuervögel usw. sind dem Element Feuer zuzuordnen. Stierköpfige, Widder-, oder Saularven kann man der Erde zurechnen. Andere Klaubauf heißen Werwolf, Wassermo, Muhackl oder auch Wuidmandl. Alle Klaubauf sind in Woll-, Leder- und Fellgewänder gekleidet. Sie haben hinten am Gürtel meist zwei Glocken hängen, auch Kuhglocken sehe ich. Die Klaubauf tanzen Stampftänze zur Melodie der Glockenspiele. In der Kreismitte steht immer die Frau Percht, um die sie tanzen, während die Schönperchten die Musik spielen. Schlenzer, die Figuren, die an Stabfiguren erinnern sollen, sehen wir leider nicht.
Neujahrsanschießen und Perchtenlauf10
Einzelbewertung
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Erreichbarkeit
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Muss man gesehen haben
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Budget-Freundlichkeit
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Atmosphäre
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Gastronomisches Angebot
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Kindereignung
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Erreichbarkeit:
Diese Veranstaltung findet vor dem Schloss Maxlrain statt. Parkplätze gibt es hier genügend und selbst die Anfahrt von München ist nicht zu weit.
Muss man gesehen haben:
Natürlich. Selbst echte Bayern kennen diese Tradition kaum, wenn sie wie wir nur schon dreißig Kilometer von den Alpen entfernt wohnen. Die Ausprägung dieses Brauchtums variiert außerdem.
Budgetfreundlichkeit:
Es wird kein Eintritt verlangt. Wer etwas geben möchte, tut dies freiwillig und ins Maul der Haberngoaß.
Atmosphäre:
Einmalig. Als meine Tochter mit Familie kam, war es schon beinahe vorbei und selbst sie spürten das noch. jeder der Besucher fühlte sich hier wohl und trotzdem aufgewühlt. Die Fotoapparate klickten dazu am laufenden Band.
gastronomisches Angebot:
Ein Kiosk mit Getränken, darunter Glühwein. Aber für 30 Minuten Länge braucht es auch nicht mehr.
Kindereignung:
Unbedingt. Die Kinder wurden nie böswillig erschreckt, sondern im Gegenteil, sehr nett behandelt. Ab und zu kam eine Frau in den Schwitzkasten (auch meine Tochter), aber auch dies war nicht grob.
So furchterregend sie auch geschnitzt wurden, mit herausstechenden Augen und Zähnen, die durch Wangen und Nasen stechen, so schön sind sie doch auch anzusehen. Ein wunderbarer Brauch. Schön, dass er wieder stärker gepflegt wird.